Ulrike Almut Sandig wurde 1979 im sächsischen Großenhain geboren und hat 2006 mit "Zunder" den Meraner Lyrikpreis erhalten, was eine kleine Sensation im Literaturbetrieb ist, da es sich nicht um einen Nachwuchsförderpreis handelt. 2007 erschien "Streumen", ihr zweiter Lyrikband. Bei der diagonalen Durchsicht habe ich zuerst an die typischen Halbsatzgedichte des Leipziger Literaturinstituts, wo die Autorin seit 2004 studiert, gedacht, doch eine nähere Betrachtung hat mich ganz schnell eines Besseren belehrt. Überraschend frisch kommt schon die formale Gestaltung daher. Die Titel sind fett gehalten, aber nicht immer über, sondern oft auch im Text. Auffällig auch die graphische und nicht sprachliche Verwendung von einfachen und doppelten Anführungsstrichen neben weiteren Spielarten der Darstellung. Genial finde ich, dass einige Gedichte im Querformat gedruckt wurden. Damit erspart man sich die hässlichen Zeilenumbrüche, mitten in der Strophe. Das schmale Buch ist sorgfältig gedruckt schön aufgemacht. - Der Titel "Streumen" hat mich irritiert. Das klingt nach "streunen" oder "träumen" und im polyglott gewordenen Lebensumfeld ist es nicht abwegig an Männer zu denken, die irgend was streuen, immerhin findet man auf Seite 14 das Wort "Salz", gross geschrieben, was dann ja zum Bild passt. Nun ja, Streumen ist eine Ortschaft in Sachsen. Ein realer Ort also, der aber in der Dichtung schnell Imagination und Sehnsucht wird, durchaus romantisch, aber ohne blaue Blumen. - Bei der Lektüre der (von einzelnen Worten abgesehen) klein geschriebenen Gedichte tauchen schnell eine Hand voll Themen auf: Kindheit, russisches Militär, Schule, Mädchen, Missbrauch, Mutter, Heimat, Geborgenheit und Liebe. Am Anfang bewerkstelligt sich diese Sinnfindung schnell, später weniger. Der Knoten lässt sich nicht mehr lösen. Aber ist das überhaupt notwendig? Kein geringerer als Paul Celan empfahl einem Sinnsuchenden bei seinen Gedichten: Lesen, lesen, immerzu lesen. - Moderne Lyrik zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie Sprache nicht nur als Instrument, als Transportmittel für schon bestehende Bilder und Ereignisse nutzt, sondern auch, um sich auf die Suche zu begeben, unterwegs zu sein, zu entdecken und zu schaffen. Vollends nachvollziehbar wird dieser zweite Ansatz, wenn man weiss, dass Ulrike Almut Sandig zusammen mit ihrer Kollegin Marlen Pelny über mehrere Jahre hinweg an allen möglichen Stellen in Leipzig eigene und fremde Gedichte an Ampelpfosten, Stromkästen und anderen Orten aufgeklebt hat und der vorliegende Band auf dieser Basis entstanden ist. An den Klebearbeiten hat sich zeitweilig auch der Verleger der Autorin beteiligt.