Nun, ich muss zugeben, dass ich mit meiner Haltung zur Todesstrafe gewissermaßen zur Gegenseite der in diesem Buch vertretenen gehöre. Dennoch halte ich mich für so offen, dass ich eine vernünftig formulierte, logisch begründete Antwort auf die Frage "wieso sollte es einem Staat/einer Gesellschaft grundsätzlich verboten sein Menschen mit dem Tode zu bestrafen?" sofort als Anlass nehmen würde, meine Meinung komplett zu überdenken. Wie aus meiner oben zu begutachtenden Wertung ersichtlich, hat es Herr Müller nicht ganz geschafft diesen Meinungswechsel einzuleiten.
Knapp die ersten hundert Seiten dieses Buch (ca. die Hälfte) widmet der Autor ausschließlich der "Grausamkeit der Todesstrafe" in Schilderungen vergangener und heute noch angewendeter Tötungsarten. Obwohl dieser Abschnitt im Grunde noch zum interessantesten im gesamten Buch gehört, zeigt sich hier schon ein deutliches Bild wie Frank Müller zu argumentieren Pflegt. Niemand, aber auch garniemand würde jemals bezweifeln, dass Rädern (wie im Mittelalter) oder die Enthauptung mit dem Säbel (wie heute noch in Saudi-Arabien praktiziert) unnötig grausame und inakzeptable Arten der Bestrafung sind. Auf die Frage "Ist die Todesstrafe wirklich inhuman?" liefern diese Schilderungen aber eben keinerlei objektive Antwort. Macht nichts, Emotionen schüren tun sie dafür um so besser. Das Müller'sche Fazit nach etwa der Hälfte des Buches: Es gibt keine saubere (im Sinne von weitgehend schmerzfrei) Tötungsart. Stimmt halt nur nicht.
Im darauffolgenden Kapitel bringt Müller schließlich einen langen Auszug aus einer Bundestagsdebatte über die Wiedereinführung der Todesstrafe aus dem Jahre 1959, aus der er anschließend die Pro-Argumente auswählt und erörtert. Leider stellt sich der Autor bei dieser Angelegenheit so unreflektiert und dilettantisch, ja stellenweise sogar grob fragwürdig an, dass selbst der mehrfach zitierte Sprecher der rechtsradikalen Sozialistischen Reichspartei im Vergleich geradezu vernünftig rüberkommt. Statt intelligenter objektiver Erörterung konzentriert sich Müller lieber darauf Proargumente für die Todesstrafe - ob es nun gute oder schlechte sind - möglichst sinnbefreit in nationalsozialistischen Kontext zu bringen und scheut sich auch nicht Brücken zu Eugenik und Rassentheorie zu schlagen.
Wer ab da noch nicht aufgehört hat zu lesen, darf sich über Müllers Gedankengänge über den Streitpunkt "der Scharfrichter und das Menschenopfer" freuen, aus dem ich an dieser Stelle kurz zitieren möchte:
"Es bedarf schon eines gewissen Naturells, um dieses Handwerk auszuüben. Ein Scharfrichter kann mit Sicherheit nicht von sadistischen Zügen freigesprochen werden. Und genau hier setzt der Punkt ein, der gegen die Todesstrafe spricht. Der Henker macht aus der Tötung ein Geschäft. Damit steht der Scharfrichter nicht besser da als mancher Mörder. [...] Fazit: Der Staat handelt in der Durchsetzung der Todesstrafe nicht nur unsittlich, weil er sich der unsittlichen Motive der tötenden Henker bedient, sondern auch, weil er einem Menschen eine menschenunwürdige Tätigkeit zumutet, die gegen jede seiner eigenen Unternehmungen spricht, Mord und Gewalt aus der Gesellschaft zu verbannen" (S. 163).
Eine faszinierende Auffassung der Dinge. Ich frage mich wie man nach dieser Logik nun andere staatliche Organe moralisch bewerten soll, die ebenfalls Rechtsnormen durch Zwangsakte durchsetzen, z.B. der allseits beliebte Zwangsvollstrecker oder Polizist? Sind das jetzt auch staatlich angestellte Soziopathen, die das Leid und den Schaden anderer als Geschäft betreiben? Ist der Zwangsvollstrecker im Besonderen, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet Gläubigern ihre Sachen wegzunehmen, etwa besser als der gemeine Dieb? Wo es doch Diebstahl unbedingt aus der Gesellschaft zu verbannen gilt?
Trauriger Höhepunkt von Müllers Suche nach einem halbwegs plausiblen Argument ist ein kurzer Einschub über die natürliche Unfreiheit des Menschen:
"Doch was ist freier Wille? Jeder billigt einem Tier zu, dass es einem unwiderstehlichen Impuls folgte und ein Verbrechen begangen. Bei einem Menschen wird hingegen vorausgesetzt, dass er unabhängig von jedem inneren Zwang aus freiem Willen heraus handelt. [...] Tier wie Mensch sind durch die Naturgesetze beeinflußt, durch die Erfahrung aus der Vergangenheit und durch ihr soziales Umfeld geprägt. [...] Weder die Philosophie noch die Psychologie oder andere Wissenschaften konnten ihn bisher finden - den freien Willen. Vielleicht hat der Gesetzgeber, damit er keine Tiere mehr zu Tode verurteilen muss, sich aus diesem Dilemma befreit, indem er die Tiere gesetzlich einfach als Sache einstufte." (S. 124)
Immerhin hat sich Müller dann doch nicht getraut seine Gedankengänge zu der unmissverständlichen Aussage "der Mensch ist in seinem Handeln von Natur aus unfrei und deshalb nicht bestrafbar" zusammenzufassen. Die Tendenz seiner Gedankenspielerei ist aber dennoch eindeutig. In der Tat wurden in den USA schon Mörder mit dem Plädoyer verteidigt, der Mensch wäre von Natur aus unfrei und die betreffenden Personen könnten als Produkt von Umwelt und Genetik nicht haftbar gemacht werden. Diese Art der Verteidigung ist natürlich sowohl nicht tragbar, als auch ein Totschlagargument FÜR die Todesstrafe.
Ein Weltbild, in dem der Mensch nur als eine Art hochkomplexer Automat seinen Platz findet, ist grundsätzlich nihilistisch. Diejenigen, die sinnvoll gegen die Todesstrafe argumentieren, stützen sich jedoch auf die durch die Aufklärung und den Humanismus geprägten Vorstellungen eines höheren Naturrechts, sowie auf den durch die großen Weltreligionen geprägten Gedanken, dass alles Leben, v.a. das menschliche, kostbar und schützenswert ist. Ein Anhänger der "Automaten-Theorie" muss zwangsweise zu dem Schluss kommen, dass menschliches Leben überbewertet ist. Noch eine Sache, die Herr Müller offensichtlich nicht ganz bis zum Schluss durchdacht hat.
Fazit: Empfehlen kann man dieses Buch eigentlich nur den glühenden Befürwortern der Todesstrafe. Diese werden sich nämlich über eine derart harmlose Gegenschrift freuen. Außer langatmiger Emotionshascherei, NS-Vergleichen, der Widerlegung nicht ernstzunehmender Befürworterargumente des Typus "man sollte das einfache Volk fragen", ein bisschen ungewollter Diffamierung der Exekutive und einem kuriosen Schwenk zur menschlichen Unfreiheit, hat das Buch leider nichts zu bieten.