So manchem Sprachwissenschaftler liegt der "Zwiebelfisch" schon seit langem schwer im Magen. Nicht, wie oft unterstellt, aus Neid und Missgunst. Im Gegenteil: das offensichtlich vorhandene und durch Bastian Sicks Erfolg bezeugte Interesse für sprachliche Fragen wird von der Sprachwissenschaft ausdrücklich begrüßt. Was dagegen wirklich schmerzt, sind die verdrehten Fakten, Sicks offen ausgelebter Sprachdünkel und das damit einhergehende verheerende Sprachbild sowie der Umstand, dass Sick mit dieser Mischung für viele tatsächlich eine Autorität darzustellen scheint. Das muss Menschen, die qua Ausbildung mehr von der Sache verstehen, Unbehagen bereiten. (Und mehr als nur das, wenn man hört, dass Sicks Bücher sogar im Deutschunterricht eingesetzt werden.)
Der Linguist André Meinunger (übrigens kein Pseudonym, wie per Netzrecherche schnell festzustellen ist) hat sich nun der Aufgabe angenommen, die linguistisch fundierte Sick-Kritik aus den Fachjournalen hinaus in die Öffentlichkeit zu tragen '- und auf diese Weise auch gleich eine Visitenkarte der deskriptiven Sprachwissenschaft mitzuliefern.
So löblich die Absicht auch ist, die eine oder andere Kleinigkeit gibt es an "Sick of Sick" leider zu bemängeln. Das beginnt beim unnötig 'gschnappig' wirkenden Buchtitel (der gerade Sick-Jünger, welche die Lektüre ja am allernötigsten hätten, von selbiger abhalten wird) sowie der ganzen Aufmachung -' man sieht dem Band an, dass er kein großes Verlagshaus im Rücken hat. Und leider, leider ist Meinunger kein begnadeter Stilist (nicht dass Sick einer wäre), so dass vor allem das erste Drittel des Buchs bisweilen ein wenig ungelenk wirkt. Die dargebrachten Fakten vermögen natürlich zu überzeugen, ein wenig mehr argumentativer 'Drive' wäre aber doch schön gewesen. Ein weiteres Manko ist der nicht ganz durchschaubare und meist ziemlich ungerichtet wirkende inhaltliche Aufbau. Hier scheitert Meinunger an seinem All-in-One-Anspruch, zur selben Zeit eine Antwort auf den "Zwiebelfisch", eine populäre Einführung in die Linguistik, unterhaltsam und außerdem wissenschaftlich seriös sein zu wollen. Gerade die konkrete Bezugnahme auf einzelne Sick-Irrtümer wirkt oft ein bisschen beliebig. Auch hätte die für Sick typische Gleichmacherei von Stilkritik, Grammatiktipps und larmoyantem Sprachgenörgel noch ein wenig deutlicher zur Sprache gebracht und aufgedröselt werden können.
Das alles ändert freilich nichts daran, dass man bei der Lektüre aus dem zustimmenden Nicken kaum noch herauskommt. Meinunger seziert die Ungenauigkeiten, blanken Fehler und von falschen Annahmen ausgehenden Urteile von Sick und überführt ihn der Regulierungswut, die sich bevorzugt dort austobt, wo es nichts zu regulieren gibt. Er zeigt, dass nicht standardsprachliche (und allein deshalb von Präskriptivisten verurteilte) Strukturen wie etwa "der Mutter ihr Auto seine Farbe" ihren wohlbegründeten Platz im Sprachsystem haben, teilweise sogar leistungsfähiger sind als das, was die normative Grammatik allein als "richtig" gelten lassen will. Weiters demonstriert Meinunger anschaulich, dass vieles, was Sick mit seinem oberflächlichen Blick als Indizien für die Unterwanderung des Deutschen durch das Englische verurteilt (welch grauenhafte Vorstellung von Sprache!), seinen tieferen Sinn in spezifisch deutschen Sprachstrukturen und letztlich im Selbsterhaltungstrieb der deutschen Sprache hat.
Zur Hochform läuft Meinunger im letzten Kapitel auf ("Was ist denn nun akzeptabel?"). Dieses wäre allein schon fünf Sterne wert, und man wünscht sich, dass es allen zukünftigen Auflagen von Sicks Büchern als Extraheft beilgelegt werden möge. Grob verkürzt könnte die Kernaussage in etwa lauten: Der Durchschnitts-Muttersprachler weiß in aller Regel sehr genau, was im Deutschen 'geht' und was nicht.
Alles in allem also ist Meinungers Büchlein eine für Linguisten wie Laien ausgesprochen gewinnbringende Lektüre, und ihm sind zahlreiche Leser zu wünschen.
PS: Wer mehr Sprachbetrachtung dieser Art lesen möchte, dem sei der "Bremer Sprachblog" empfohlen (leicht per Suchmaschine zu finden), in dem übrigens unlängst eine lesenswerte Stellungnahme zum linguistischen Neidvorwurf gepostet wurde.