Als erstes eine Vorwarnung: Bill Brysons Berichte aus den seltsamen europäischen Landen sind keine (ich wiederhole: keine) landeskundlichen Erörterungen. Eher erinnern mich die einzelnen Kapitel an eine regelmäßige Zeitungsrubrik der intelligenten Art, die nun als Buch veröffentlicht wird: Ein Amerikaner, der x-mal gescheiter ist als er sich stellt, schert sich nicht um politische Korrektheit und pointiert die jeweiligen Charakteristika eines Landes bzw. einer Stadt. Ganz bestimmt hält Bryson nicht alle Deutschen für lederbehoste Nazis, nicht alle Österreicher für ausgemachte Antisemiten, und Neapel hält er wohl auch nicht für eine dichtbevölkerte Müllgrube in bezaubernder Lage. Aber, soweit ich das nachvollziehen kann (Ich kenne längst nicht alle bereisten Städte und Länder), trifft er ganz gut den Kern, und als guter Beobachter und Satiriker weiß er offensichtlich, dass ein guter Witz niemals auf knochentrockener Reportage beruht.
Das Schöne an Brysons "Berichten" ist nämlich, dass man sich unterm Lesen wunderbar vorstellen kann, wie's dort (wo auch immer das Dort gerade sein mag) zugeht.
Und wenn Bryson sich z.B. über den ausgesprochen realitätsnahen Wortschatz in Reiseführer-Anhängen mit angeblich nützlicher Wendungen ergeht, dann hat man Grund zum Keckern: Unter den betreffenden Autoren hat sich nämlich erfahrungsgemäß noch nicht herumgesprochen, dass in den allermeisten Reiseführer-würdigen Ländern Supermärkte und Selbstbedienung bekannt sind und dass man üblicherweise in jedes Landes Badewanne sein Wasser selber einlässt.
In den besten Kapiteln sprüht Bryson vor tendenziell gutmütiger Bosheit und Selbstironie, und so manche übelwollende Rezension dieses Buches könnte darauf beruhen, dass ihr Verfasser die Selbstpräsentation des Autors als bierseligen, monoglotten Proll für bare Münze nimmt.
Hinreißend sind vor allem die Passagen, in denen Bryson die Pose des naiven, aber neugierigen und aufgeschlossenen Ami einnimmt und mit großen Augen feststellt, dass die Europäer gleichzeitig so verschieden und zugleich dermaßen gleich sein können. Mit dieser kindlichen Naivität nimmt er sich auch oft selber auf die Schippe; seine Schlussfolgerungen aus überwältigend positiven Eindrücken sind zwar manchmal ein wenig an den Haaren herbeigezogen, weil sie allzu oft nach dem selben Muster gestrickt sind, aber es ist eben doch amüsant zu lesen, dass Bryson die hässlichen Kopenhagener allesamt irgendwo nach Arizona verbannt vermutet. (Auch diese Beobachtung spricht übrigens dafür, dass die "Streifzüge durch das Abendland" ursprünglich als regelmäßige Zeitungsrubrik erschienen sind -- in einer wöchentlichen Sparte leiern solche journalistischen Tricks nicht so schnell aus.)
Jedenfalls lernt man hier unter anderem, wie man Schweizer Verkäuferinnen in den Wahnsinn treibt, wie man in einem Liechtensteiner Hotel zur persona non grata wird, oder worauf man gefasst sein muss, wenn man in einer Florentiner Polizeistelle einen Diebstahl anzeigen will. Auch wenn hier und anderswo mancher Leser ob solch ostentativen Chauvinismus aufschreien will -- gerade hier präsentiert sich Bryson meist in guter Form, mit liebenswürdigen Gemeinheiten.
Freilich hat Bryson beim Schreiben nicht immer seine besten Tage gehabt -- für einen guten Witz reicht es nicht, einen längst bekannten Kalauer zum x-ten Mal aus der Versenkung zu zerren. Ein wenig mehr Hinterfotzigkeit wäre gelegentlich schonmal angebracht. Und manche Scherze gehen auch vollrohr in die Hose, wie z.B. das neckisch sein sollende Anekdötchen über einen mehr als zwei Jahre lang entführten italienischen Jugendlichen. Schwarzen Humor hat Bryson nunmal nicht im Repertoire, und entsprechend peinlich und ärgerlich sind diese und einige andere Passagen auch zu lesen.
Aber die wirklichen Ärgernisse in diesem "Europa für Anfänger und Fortgeschrittene" hat nicht Bryson zu verantworten, sondern die Übersetzerin (Ich weise dennoch darauf hin, dass die "Bezahlung" der meisten Übersetzer hierzulande ein Skandal ist und nichts Besseres erwarten lassen kann) und der offensichtlich somnambule Lektor. Kleinere Schnitzer meine ich hier nicht; Bryson ist schließlich kein stilistischer Zampano.
Ich meine aber Fehler, die auf mangelnde Allgemeinbildung von Übersetzer und Lektor hinweisen: Michelangelos "Pietà" im Vatikan ist definitiv kein "Gemälde"; mit "milchiger Kaffee" ist vermutlich Milchkaffee gemeint; und "scheinbar" und "anscheinend" unbeirrt zu verwechseln, wird nicht dadurch besser, dass man's dauernd tut: Wenn z.B. Menschen scheinbar glücklich sind, sind sie's nämlich nicht, aber wenn sie's anscheinend sind, sind sie's wahrscheinlich. Aus dem Kontext geht stets hervor, dass Frau Holzförster da gut ein Dutzend Mal sorglos danebenlangt.
Jedenfalls stolpere ich über Klopper der härteren Gangart zu oft, als dass ich's als Flüchtigkeitsfehler übergehen könnte.
Aber auch wenn mein Gemecker den gegenteiligen Eindruck wecken sollte: Die "Streifzüge durch das Abendland" sind witzig zu lesen, und man kichert oft genug einfach los, weil's schlicht und ergreifend komisch und geistreich zugleich ist. Meistens jedenfalls.