Der Namensgeber des Quartetts, Pavel Haas (1899-1944), war ein tschechischer Komponist, der mit der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren im Frühjahr 1939 aufgrund seiner jüdischen Wurzeln dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fiel und nach einer längeren Internierung in Theresienstadt schließlich in Auschwitz sein Leben lassen mußte.
Folgerichtig haben die vier jungen Musiker auf ihren ersten beiden CDs (die hier rezensierte CD ist die als zweites veröffentlichte) die drei Quartette von Pavel Haas und die zwei Quartette seines Mentors Leos Janacek aufgenommen. Obwohl es gerade bei den Janacek-Quartetten eine lange Reihe bedeutender Aufnahmen mit berühmten tschechischen Quartetten gibt (Janacek-Quartett, Smetata-Quartett und Panocha Quartett), erstarrten die Spieler glücklicherweise dennoch nicht in Ehrfurcht, sondern suchten gezielt nach einem modernen Interpretationsansatz für diese einzigartigen Werke.
Das Ergebnis ist sowohl bei Janacek (Quartett Nr. 1) als auch bei Haas (Quartette Nr. 1 und 3) absolut hinreißend geraten: den speziellen Effekten in den mittleren zwei Sätzen des Janacek-Quartetts wird das Quartett genauso gerecht wie der etwas spröden und verstörenden Tonsprache des Komponisten. Vor den Ohren des Zuhörers entfaltet sich ein Drama von zwingender Logik und eindringlicher Intensität - tatsächlich drängen sich Parallelen zu Tolstois Erzählung "Die Kreutzer-Sonate" (Untertitel des ersten Quartetts) überaus plastisch auf. Die Tongebung ist kernig, aber makellos und nervenzerfetzend; zudem wertet die perfekte Balance zwischen den Stimmen diese Einspielung noch weiter auf. Das Quartett fördert hier Details in aller Deutlichkeit zutage und verdeutlicht jederzeit, daß die Formation sich voll und ganz mit dem Werk identifiziert und so etwas wie Routine überhaupt nicht aufkommen läßt. Man vergleiche nur einmal diese vollauf gelungene Interpretation mit der biederen Einspielung des Emerson Quartetts (DGG), und schon wird klar, wie sperrig und schwer dieses Werk zu spielen ist.
Pavel Haas' einsätziges 1. Quartett ist noch deutlich an Janacek angelehnt und kann, da es noch zu Studienzeiten des Komponisten entstand, schwerlich als Meisterwerk angesehen werden. Dennoch nehmen sich die Musiker dieses Werkes mit gebührendem Ernst an und entreißen der Partitur alles, was eben möglich erscheint. So erscheint selbst dieses vergleichweise leichtgewichtige und kaum bekannte Werk in völlig neuem Licht.
Das 3. Quartett des Komponisten stammt aus dem Jahre 1938 und damit noch vor der Zeit, bevor in der Tschechoslowakei die Lichter ausgingen. Speziell das Finale ist mit seiner Doppelfuge eine kompositorische Gipfelleistung, die dem Komponisten alle Ehre macht. Ganz am Ende das Finales münden die beiden Themen in einen Choral, der auf der Melodie des St. Wenzelschorals basiert. Diese Melodie aus dem späten Mittelalter ist so etwas wie ein ideelles Heiligtum der Tschechen und wird hier kongenial in das Werk eingebettet. Bei aller Bewunderung für die kompositorische Meisterschaft bleibt festzuhalten, daß die hier vorliegende Einspielung sich als absolut angemessen erweist. Kenner mochten das Werk vielleicht schon durch die Aufnahme des Hawthorne-Quartetts (Decca, Entartete Musik) gekannt haben und begeistert gewesen sein. Das Pavel Haas Quartett bevorzugt raschere Tempi und weniger süffigen Klang zugunsten einer Eindringlichkeit, die dem Werk gut tut. Neben der superben Intonation und dem untrüglichen Gespür für die richtigen Tempi macht auch die Bogenführung tiefen Eindruck. Den letzten Akkord meistern die vier Musiker (im Gegensatz zu den Hawthornes) mit einem einzigen Bogenstrich und schaffen so das gebührende Crscendo am Ende des Werkes. Außerdem schrecken die Spieler nie vor schroffen Dissonanzen oder grellen Effekten zurück, wenn die Partituren dies hergeben. Kompromißlos und eindringlich sind diese Interpretationen durchus geraten - aber niemals geschmacklos oder widersinnig.
Es lohnt sich mit Sicherheit, den weiteren Werdegang dieses Quartetts zu verfolgen. Sollte das untrügliche und für dieses Alter äußerst erstaunliche musiaklische Gespür konserviert oder gar noch ausgebaut werden können, so kann man die Behauptung wagen, daß das Pavel Haas Quartett rasch den Weg zu den etablierten Quartetten der Weltspitze findet und bald neue Dimensionen des Quartettspiels offenbaren wird. Wem das als Übertreibung erscheint, der möge zunächst einmal hier reinhören und dann von neuem entscheiden, denn was das tschechische Quartett mit seinen vier jungen Musikern in seinem kurzen Bestehen bislang veröffentlicht hat, nimmt in Sachen Qualität allmählich beängstigende Ausmaße an. Neben den Quartetten von Janacek und Namenspatron Pavel Haas liegen nun auch die beiden Prokofieff-Quartette und eine Auswahl später Dvorak-Quartette vor, die nicht minder überzeugend (oder sollte man sensationell sagen?) geraten sind.