Mit Antonin Dvorak bringt der gemeine Klassikfreund vor allem seine sinfonischen Werke in Verbindung. Dass der Tscheche aber auch herausragende Kammermusiken komponierte, beachten nur wenige. Neben einigen herrlichen Klaviertrios sind es vor allem die Streichquartette, zu denen Dvorak zahlreiche Gattungsbeiträge lieferte. Zu jeder seiner Schaffensphasen befasste er sich mit dieser Gattung, veröffentlichte aber nicht jedes Werk, da er dem Streichquartett in der Regel seine intimsten Empfindungen anvertraute.
Die ersten Streichquartette B 8 in A Dur und B 17 in B Dur sind Studienwerke des tschechischen Tonsetzers. Bereits in diesen Werken beweist er sein Talent für die Königsgattung der Kammermusik. Vor allem in den komplexen Kopfsätzen und den ausdrucksstarken langsamen Sätzen zeigt er, dass er es versteht, Themenkomplexe geschickt zu verflechten.
Das längste aller Quartette ist sein drittes B 18 in D Dur. Waren die vorigen Werke schon äußerst umfangreich, so sprengt Dvorak hier die Genregrenzen mit einer Spielzeit von beinahe 70 Minuten. Besonders der gewaltige Kopfsatz entzückt durch seine Variabilität und melodische Vielfalt.
Das Quartett in e moll B 19 ist ein Werk mit patriotischen Ambitionen, was sich nicht nur in der original tschechischen Satzbezeichnung äußert, sondern auch im volksliedhaften Finale.
Der herrliche Kopfsatz des f moll Quartetts B 37 hält nicht, was er verspricht, denn das Werk entbehrt eines wirklich langsamen Satzes. Zwar ist der Walzer des dritten Satzes originell, doch das Finale enttäuscht in seiner Eintönigkeit.
Gewichtiger und einen neuen Stil beschreitend sind die beiden a moll Quartett B 40 und 45. Beide eröffnen mit einer stark nostalgischen, melancholisch getragenen Melodie, die ein düsteres Hauptthema entwickelt. Auch im weiteren Verlauf scheinen diese Stücke die Tiefe der slawischen Landschaft herauf zu beschwören. Dvorak gebart sich als heimatverbunden und tief expressiv.
Im E Dur Quartett B 57 setzt der Komponist vor allem auf ausgewogene Homogenität der einzelnen Teile zueinander, wodurch allerdings leider ein größerer Effekt verloren geht.
Das ist das, was am neunten Streichquartett in d moll B 75 begeistert, dass Dvorak mit Hilfe der Einheitlichkeit große Effekte erhascht. Vor allem schnelle Tempowechsel und teils überraschende Dur Moll Wechsel geben diesem Werk die Würze.
Das elfte und das zwölfte Quartett in Es Dur B 92 beziehungsweise C Dur B 121 sind von sperriger Anlage. Die teils spröde Themenentfaltung schadet diesen Oeuvres aber nur bedingt, denn durch die schwierige Zusammenschau aller Themen entwickeln sich herrliche Momente. Die schwer zugängliche Anlage des Kopfsatzes vor allem des C Dur Quartetts erinnert teils stark an die späten Quartette Beethovens oder Schuberts.
Drei späte Quartette hat Dvorak selbst hinterlassen. Sein großer Wurf ist B 179 in F Dur mit dem Beinamen "Amerikanisches Quartett". Auch wenn das Werk ausgelassen eröffnet, so offenbart uns der Komponist im zweiten Satz innerste Emotionen, in diesem Falle sein Heimweh nach der tschechischen Heimat, als er in den USA arbeitete. Das Scherzo knüpft sogleich an den Kopfsatz an. Das Finale berauscht ganz und gar.
Ganz anders dagegen erweist sich das 13. Quartett in G Dur B 192. Seine Schönheit offenbart sich nicht sofort, da es spröde und in gewisser Weise sperrig wirkt. Aber vor allem im Finalsatz fügt der Komponist alle scheinbar ins Leere gelaufenen Fäden zusammen und beschert die eine oder andere Überraschung.
Das letzte Quartett, das der Tscheche schrieb, ist das 14. B 193 in As Dur. Sein Tonfall ist wieder lieblicher, graziler, es weist durchaus Ähnlichkeiten zum zwölften Quartett auf.
Neben den vollwertigen Quartetten hinterließ Dvorak auch einige fragmentarische Werke wie das Quartett B 120 in F Dur, von dem nur ein viel versprechender Kopfsatz erhalten ist. Auch der frühe Quartettsatz in a moll zeigt seinen experimentellen Charakter innert eines leidenschaftlichen Andantes.
Auch zwei kurze Walzer B 105 vertraute der tschechische Tonsetzer dem Streichquartett an, die durchaus originell und ambitioniert sind.
Ein besonderes Meisterwerk des Komponisten sind die "Zypressen" B 152, in denen derselbe zahlreiche Lieder für Streichquartett transkribierte. Dabei erfreut vor allem, dass Dvorak die verschiedensten Stimmungen aufgreift und so etliche gelungene Charakterstücke schafft.
Das Prager Streichquartett ist eine der hervorragend spielenden Kammermusikformationen slawischer Länder, die bei uns leider kaum Beachtung finden. Mit Dvorak sind sie offenbar vertraut und zelebrieren diese Streichquartette kongenial, tief empfunden und transparent. Den slawischen Anklang erfassen sie punktgenau und nuancenreich. Der Klang ist glasklar.
Fazit: Viele Kenner bezeichnen die 14 Streichquartette als die eigentlichen Perlen dvorakschen Schaffens. Diese Box mit dieser Einspielung beweist warum.