Das Alban Berg Quartett wird auch heute noch weit unterschätzt und für konservativ gehalten; mit dieser Einspielung der Beethoven Quartette allerdings beweisen sie genau das Gegenteil: innovativ freudig und an den entscheidenden Stellen zupackend.
Die frühen sechs Quartette op. 18: Das F Dur und das D Dur Quartett sind sehr ausdrucksvoll vor allem in den langsamen Sätzen dargestellt; das G Dur und das A Dur Quartett zeigen, dass das Alban Berg Quartett sich vormals viel mit den Haydn und Mozart Quartetten beschäftigt hat. Die Früchte dessen blühen hier voll auf. Aber insbesondere das ausdrucksintensive c moll Quartett ragt hervor durch eine empathische Aufführung. Und das Highlight dieses ersten Zyklus', das B Dur Quartett, ist so gut interpretiert, dass einem spätestens bei La Malinconia die Worte fehlen.
Die mittleren Quartette op. 59, 72 und 95: Die drei fast vollkommenen Razumovsky Quartette op. 59 erfahren hier die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Das F Dur Quartett ist spielerisch leicht und beschwingt dargeboten; dahingegen ist das pathetische e moll Quartett, das düsterste, das Beethoven schrieb, völlig korrekt impressiv interpretiert, so dass man beinahe schaudert. Das C Dur Quartett schließlich ist markig und kernig dargestellt, an sich genial.
Das eigentlich recht oberflächliche Es Dur Quartett op. 72 (Harfen Quartett) lässt ganz neue Seiten an sich entdecken: Das Pizzicato ist so beschwingt wie kaum ein anderes und auch der Rest des Quartettes beeindruckt.
Und schließlich das f moll Quartett op. 95 (Serioso), das meiner Ansicht nach nur deshalb nicht zu den späten Quartetten gezählt wird, weil seine Opuszahl zu niedrig ist. An sich ist es das dichteste aller Beethoven Quartette, das intimste und das kantigste. Das Eingangsallegro ist derartig dicht interpretiert, dass derart viele Eindrücke auf den Hörer einstürzen, welche zu verarbeiten dem Unerfahrenen wohl Schwierigkeiten bereiten dürfte. Nach dem langsamen Satz folgt das impressive Scherzo. Das an und für sich unvollkommene Finale berauscht.
Die späten Quartette op. 127, 130 mit 133, 131, 132 und 135: Das wunderbare Es Dur Quartett op. 127 wartet mit der schönsten Einleitung auf, die je ein Quartett erfahren hat: das Maestoso, das die Struktur des eigentlich lustigen ersten Satzes stetig durchbricht. Nach dem heilsamen langsamen Satz folgen zwei sich recht ähnliche Sätze, deren Spannung das Alban Berg Quartett mit seiner Darbietung ins Unermessliche steigert.
Das abgefahrene B Dur Quartett op. 130 ist mein persönlicher Favorit. Schwer zu durchdringen und vor allem zum Ende ernst wie kein anderes wartet es mit einigen Kostbarkeiten. Der seltsam statische, fast passive erste Satz wird immer wieder durch das Eingangsadagio gehemmt. Das kleine aber feine Presto ist so herrlich interpretiert, wie man es nur interpretieren kann. Der dritte und vierte Satz sind weniger spektakulär. Die Cavatina ist vom Alban Berg Quartett eindrucksvoll dargeboten. Und schließlich die Große Fuge op. 133, das originale Finale, das Beethoven ob seiner Sperrigkeit und Überlänge durch ein leichter zugänglicheres ersetzte - Beethovens letzte Komposition überhaupt: Derart schroff und kantig, dann heilsam und letzten Endes strahlend interpretiert habe ich sie noch nie vorgefunden.
Das cis moll Quartett op. 131, von dem viele sagen, es sei Beethovens bestes, besticht durch seine impressive Einleitung, den langsamen Variationssatz, die Tatsache, dass alle Sätze attaca ineinander übergehen, und das dämonische Finale. Aber auch das Allegro vivace und das Allegro moderato bestechen in dieser Interpretation. Der fünfte und sechste Satz steigern hier die Spannung ins Profunde.
In a moll steht op. 132. Wie schon in op. 130 und 131 stehen allerdings nur noch der Kopfsatz und das Finale in der Grundtonart. Wie in op. 130 ist auch hier der Kopsatz von seltsamer Statik. Der zweite Satz ist wunderbar. Schließlich folgt das größte und ausdruckintensivste Adagio, welches jemals geschrieben worden ist: der Heilige Dankgesang. Und das Alban Berg Quartett nimmt sich viel Zeit mit der Darbietung. Die Danza tedesca ist wohlgeformt und taugt als Überleitung. Das Allegro appassionato des Finales ist ausgezeichnet und wirklich appassioniert gespielt.
Bleibt schließlich das F Dur Quartett op. 135, von dem man gemeinhin sagt, es sei das gewöhnlichste der späten Quartette. Aber bei seiner Interpretation macht auch dieses einige Mühe. Nach einem Allegretto und einem recht diabolischen Vivace folgt ein einprägsames Lento. Das Finale, der "schwer gefaßte Entschluß", ist wohl eher scherzend zu verstehen. Auch er ist von wunderbarer Einprägsamkeit.
Seltsam finde ich die Anordnung der Quartette auf den CDs.
Fazit: Die meines Wissens beste Einspielung dieses Quartett Zyklus', besonders im Vergleich zur Einspielung des Amadeus Quartettes, des Guarneri Quartettes und des Emerson String Quartets.