Die Idee, Schuberts a-moll Quartett den Namen "Rosamunde" zu verpassen, ist ziemlich neu (als diese Aufnahme in den 80er Jahren auf LP erschien, trug D.804 diesen Namen noch nicht) und ist nicht sehr glücklich. Denn jetzt wird es oft "rosamundisch" interpretiert, als Schäfer-Idylle mit obligater Gewitterdrohung. "Rosamunde" ist aber nicht das einzige seiner Werke, worauf Schubert in diesem Quartett anspielt. Der erste Satz enthält Erinnerungen an "Gretchen am Spinnrade" und das rhythmische Signal vom "Zwerg" (in a-moll), das Menuett wird mit der Frage "Schöne Welt, wo bist du?" aus dem Lied "Die Götter Griechenlands" (in a-moll) eröffnet. Das Quartett entspringt der Zeit, in welcher Schubert seinen depressivsten Brief schreibt und ist zeitlich auf halber Strecke zwischen den a-moll Sonaten D784 und D845, die beide höchstdramatisch sind. Daß das Quartett auch dramatisch ist, ist an den brutalen Dynamikwechseln, an den harmonischen Spannungen, am den drohenden Cello-Ostinati zu erkennen. Wenn schon Schäferidylle, dann eher die Tragik der Vertreibung aus derselben, ein höchst Schubertsches Thema. Das Menuett ist der endgültige Abschied vom klassischen Tanzmenuett; dynamisch und harmonisch steuert es direkt auf die Katastrophe, danach kann im Finale nur von Scheinheiterkeit die Rede sein. Melancholie, Wehmut, aber auch Tragik, Resignation und Entschlossenheit kombinieren sich in diesem vielschichtigen Werk.
Aufnahmen wie die vom Janacek Quartett (leider unzugänglich)und vom
Ungarischen Streichquartett konnten dies auf unterschiedliche Art und Weise vermitteln. Die Aufnahme des Alban Berg Quartetts ist bei weitem nicht so weichgespült als viele, die nachher gekommen sind (eine löbliche Ausnahme ist die Aufnahme des
Leipziger Streichquartetts). Dennoch, obwohl sie entstand, bevor dem Quartett der Beiname vergeben wurde, ist sozusagen die Rosamundisierung im Anmarsch. Es wird schön gespielt, aber man wünscht sich schärfere Konturen, stärkere Kontraste, weniger Gemütlichkeit und mehr Biß.
Beim d-moll Quartett fällt es weniger ins Gewicht. Die Dramatik ist schon deutlicher und unausweichlich in der Mythologie des "Programms" vorhanden. Allerdings könnten die Alban Berg hier auch marginal verstörender spielen.
Fazit: Höchste Spielkultur, aber zuwenig Mut.