Inzwischen gibt es einige Gesamtaufnahmen der Streichquartette Mendelssohn-Bartholdys. Die zupackende, die virtuosen Elemente dieser Werke betonende Einspielung des
Melos-Quartetts ist leider vergriffen und wird zu Liebhaberpreisen gehandelt. Die Aufnahmen des Cherubini-Quartetts von Anfang der 1990er Jahre sind hingegen derzeit äußerst günstig zu haben und dabei sogar mit einem Beiheft mit den wichtigsten Angaben zu den Werken ausgestattet. Aufnahmetechnisch sind sie in jedem Fall Klassen besser, man wird von einem warmen, weichen, transparenten Klangbild mit weiter Dynamik, guter Auflösung und Ortbarkeit der Instrumente verwöhnt, während die Melos-Aufnahmen ja ziemlich scharf und eng gerieten.
Dem klangtechnischen Charakter entspricht auch der Zugang der Cherubinis. Es sind vor allem die vielen wunderbaren gesanglichen Passagen, die hier aufblühen dürfen, was nicht zuletzt an einer hervorragenden Balance der Einzelstimmen liegt, zumal der leicht melancholische, dunkle, volle Violoncelloton von Manuel Fischer-Dieskau und der kernig-substanzreiche Bratschenklang Hariolf Schlichtigs kommen voll zu ihrem Recht. Primarius Christoph Poppen überzeugt mit einer brillanten, dabei unaufdringlichen und uneitlen Führung, die auch Harald Schoneweg mit der zweiten Violinstimme eine Chance lässt. Manchmal wünscht man sich dennoch ein wenig mehr an extrovertierter Risikofreudigkeit, wie sie ein Wilhelm Melcher im Melos-Quartett besaß.
Bei aller Betonung der Kantabilität der Werke werden biedermeierliche Klippen immer umschifft, die Facetten dieser zu selten hochrangig eingespielten Musik vom Lied ohne Worte über dahinhuschende Sommernachtstraum-Scherzi bis hin zum Drama des schmerzlich-expressiven Op. 80 kommen zur Geltung. Gerade in diesem so gar nicht typisch Mendelssohnschen zerrissen-unversöhnlichen f-moll-Quartett hätte ich mir, die Interpretation des Melos-Quartetts im Ohr, aber trotzdem noch mehr an Attacke, an dramatischer Zuspitzung vorstellen können.
Ein erfreuliches Detail ist, dass alle Wiederholungen gespielt werden, das nachträglich zusammengestellte Op. 81 und das frühe Es-dur-Quartett ohne Opus fehlen in dieser Sammlung. Aus meiner Sicht eine unbedingt empfehlenswerte Aufnahme, die für mich nicht ganz die überraschende Klasse der Schubert-Einspielungen dieses Ensembles erreicht, aber doch einen günstigen und befriedigenden Einblick in das kammermusikalische Potential Mendelssohns erlaubt.