"Die liberalen Institutionen hören alsbald auf, liberal zu sein, sobald sie erreicht sind:
es giebt später keine ärgeren und gründlicheren Schädiger der Freiheit, als liberale Institutionen."
(Friedrich Nietzsche)
Wenn der Leser Sloterdijks (1947-) Gegenwartsanalyse als eine Form der "individualistischen Massengesellschaft" entdeckt mit der möglichen "Erfahrung von glücklicher Untauglichkeit", dann ist er schon inmitten dieser 5. Berliner Rede zur Freiheit. Sloterdijk fordert im Rundumschlag und in essayistischer Beweisführung mit den Mitteln antiker bis gegenwärtiger Beispiele eine neue Form des Liberalismus, der zugleich wieder eine Generösität ist. Der Mensch in seinem Dasein und So-Sein ist in der Ambivalenz zu Hause, die seine Freiheit aus politischer Sicht wie aus der normalen Sicht des Realen beengt. Politische Stress-Rituale fordern eine Teilhabe an den Normen des Realen und gewinnen überhand, solange keine Gegenwehr erfolgt. Diese Gegenwehr kann nur unterdrückt werden, weil der "Großkörper" Gesellschaft ein permanentes Sorgen-System offenlegt, deren Beherrschung durch die Aktivität aller beherrschbar bleibt. Dieses zu erreichen, ist Aufgabe moderner "Unruhe-Medien", die nichts anderes als den Impetus der schlechten Botschaft zur Anreicherung aller Sorgen vorantreiben müssen. Modernes "Plebiszit" kann sich demnach nur auf die "Priorität von Sorgen" berufen. Freiheit des Einzelnen versinkt in der Menge des Wahrscheinlichen. Das Subjekt wird durch die Permanenz versuchter Objektivität am Auszug aus der Menge hin zu sich gehindert. Diese Unruhe, die an das scheinbar Objektive bindet, wird im Wort "Nachhaltigkeit" deutlich. Dieses inflationär gebrauchte Wort zeige eben nicht mehr, als diese Angst vor einer Welt, die aus den Fugen ist. Freiheit ist eben Verfügbarkeit für das Unwahrscheinliche.
Wir würden hier nicht Sloterdijk lesen, wenn es nur um die Beschreibung des Unzumutbaren ohne Gegenentwurf ginge. In Anlehnung an J.P. Sartres Begriff des "Engagement", wirft Sloterdijk gleiches in den Ring und insbesondere sieht er dieses Engagement aus dem Geiste des Thymos kommen. Die wirkliche Freiheit steht eben jeder Notwendigkeit gegenüber, sie steht gegen die Zumutung des Realen und eröffnet Optionen. "Die wahren Liberalen fügen den Möglichkeitssinn hinzu: Sie erinnern uns daran, dass wir nicht wissen können, was alles noch möglich wird, wenn Menschen Wege finden, sich aus den kollektiv verfertigten Zwangskonstruktionen zu lösen", so Sloterdijk und er fordert eine Verteidigung der Freiheit (eine Camus Anleihe), in dem der Mensch sich bewusst wird, dass die mediale Manipulation eben doch nur eine symptomatische Reaktion auf die selbst geschaffene Bedürfnislage ist.
Vor allem findet er Rousseau: (
Träumereien eines einsamen Spaziergängers und Beckett:
Eleutheria als Begleiter, doch gespeist wird, auch wenn er sich wundert, das Stauen in der Gesellschaft nicht mehr beobachten zu können, seine Sichtweise aus jenem Stauen gegenüber einer Gesellschaft, die in Erkenntnis von Unzulänglichkeiten sich beliebigen Notwendigkeiten im Politischen wie im Realen unterordnet und auf den Urstoff des wahren Engagements, den Thymos verzichtet. Ein "Engagiert Euch!" in deutscher Fassung, wenn man will. Lesespaß hat derjenige, der die "Tugend der individuellen Mühe" (Dahrendorf) aufzubringen bereit ist.
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