„Stummfilm“ hat Oliver Herrmann seine Arbeit genannt, die bei den Berliner Filmfestspielen 2004 uraufgeführt wurde. Nun kann man Herrmanns großartigen „Musikclip“ als DVD kaufen, wird dann freilich schnell feststellen, dass er die Dimensionen heimischer Wohnzimmer-Bildschirme sprengt. Denn der Regisseur und sein Kameramann David Slama gehen mit ihrem Konzept aufs Ganze. Der Streifen hat etwas von einer hoch dosierten Droge.
Zu Strawinskys Musik mit ihren wilden, asymmetrischen Rhythmen und sehrenden Kantilenen erfindet Herrmann ein Großstadtdrama, das er mit hochmodernen, auch hochkünstlichen Mitteln erzählt. Auf der einen Seite sehen wir zeitlose menschliche Emotionen und Obsessionen in den Gesichtern und Gestalten der drei Hauptfiguren – das junge Mädchen, die schöne Witwe und der hygienefanatische Arzt. Daneben arbeiten die Filmemacher mit computeranimierten Trickfiguren und schnell vorüberziehenden übergroßen Monden – die vielen, aufregend beleuchteten Nachtszenen verweisen auf die expressionistische Filmtradition und damit auch auf das ästhetische Umfeld des „Sacre“.
Auf bewegende Weise erzählt Oliver Herrmann vom alten Topos Liebe in den Varianten der Unfähigkeit, des Verlusts oder der Verletzung. Das die Geschichte dabei nicht in bundesdeutscher Banalität versinkt, ist der Insel Kuba zu verdanken, die als wunderbarer, immer wiederkehrender Ort der Farben und der Fantasie fungiert. In einem archaischen religiösen Ritus werden die verletzten Menschen von ihren Zwängen geheilt, ja, erlöst.
In einem angehängten Interview äußert Simon Rattle seine Bewunderung für die Vision des jung gestorbenen Herrmann. Der kühne Wurf könnte in der Tat Vorbild sein für künftige Musikfilme.
Anja-Rosa Thöming
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FONO FORUM August 2005 / Das Klassik-Magazin