(Voricht, Spoiler)
Einige Taglines wie "The knock at the door meant the birth of one man and the death of seven others!" oder "How far will a man go to protect his wife and his home?", mit denen Sam Peckinpahs Drama "Straw Dogs" (1971) beworben wurde, rücken dieses düstere Meisterwerk in ein falsches Licht und scheinen zudem von Leuten geschrieben worden zu sein, die den Film nicht wirklich verstanden haben. "Straw Dogs" steht selbst heute noch bei vielen in einem üblen Ruf - vor allem wegen der Vergewaltigungsszene und der Gewaltspirale am Ende, obwohl ich in manchen FSK16-Filmen weitaus Übleres gesehen habe -, und sogar Roger Ebert schrieb 1971 einen ziemlich erbarmungslosen Verriß zu diesem Meisterwerk.
"Straw Dogs" basiert auf einem Roman von Gordon Williams, weicht jedoch in mehreren Punkten von seiner literarischen - wenn man so will - Vorlage ab. Peckinpah erzählt die Geschichte des Ehepaares Sumner - David (Dustin Hoffman), ein eher schüchterner Mathematiker aus den USA, und Amy (Susan George), seine junge britische Frau -, das es in ein englisches Dorf verschlagen hat, wo es im Elternhaus von Amys verstorbenem Vater lebt. David plant, dort in Ruhe arbeiten zu können, doch wird durch eine böse Bemerkung Amys auch impliziert, er verstecke sich im Ausland vor der zunehmenden Politisierung an den Universitäten im Gefolge des Vietnamkrieges. Die sehr attraktive Amy entfacht darüber hinaus die erotischen Phantasien einer Gruppe Dörfler, die im Auftrag der Sumners an einer Garage bauen und somit ständig auf dem Grundstück sind. Davids linkische Art erregt schnell die Verachtung der Dorfbewohner, und immer wieder versuchen diese, den jungen Amerikaner vorzuführen und zu demütigen. Als schließlich der psychisch kranke Henry Niles (David Warner) - nachdem er Janice Hedden (Sally Thomsett), ein junges Mädchen, versehentlich getötet hat - vor einem aus fünf Männern bestehenden Lynchmob in das Haus der Sumners flieht, kommt es zu einem tödlichen Showdown, denn David ist nicht gewillt, Niles an den Mob auszuliefern.
Die simple Struktur der Handlung verleitet den Zuschauer dazu, dem Film auch eine simple Botschaft zu unterstellen - nämlich die, daß ein Mann nur dann ein Mann ist, wenn er sich gegen andere Menschen durchsetzen kann. Ist David am Anfang noch angewidert von sich selbst - besonders, nachdem er den ersten der fünf Eindringlinge in einem Wutanfall zu Tode geprügelt hat -, so tritt er nach der - scheinbar - vollendeten Konfrontation aus seinem Haus heraus und sagt zu sich selbst: "Jesus, I got 'em all!", wobei er einen Augenblick ungläubigen Stolz darüber zu verspüren scheint, mit den brutalen Männern ganz allein fertiggeworden zu sein. Aber wenn man sich den Film genauer ansieht, merkt man, daß Peckinpah hier keinesfalls Gewalt als Konfliktlösungsmittel verherrlichen oder auch nur empfehlen möchte - all den dummen Taglines zum Trotze.
Peckinpah bezeichnete David einmal als den eigentlichen Schurken des Filmes, und dies mag auf den ersten Blick verwundern, denn schließlich sind er und seine Frau es, die von den Dorfbewohnern zum Gegenstand grausamer Scherze gemacht und schließlich attackiert werden. David erscheint als das Klischee eines hasenfüßigen, in sich gekehrten Intellektuellen, und mehr als einmal nennt seine Frau ihn - direkt oder indirekt - einen Feigling. Seine Friedfertigkeit - oder ist es doch konfliktscheuer Eskapismus - und seine Intellektualität lassen ihn uns an manchen Stellen des Filmes sogar sympathisch erscheinen. In anderen Situationen zeigt sich aber deutlich, daß David unfähig ist, sich auf andere Menschen einzulassen und ihnen angemessen zu begegnen. Roger Ebert weist darauf hin, daß er im Pub drei Kardinalfehler begeht, die ihn bei den Dorfbewohnern als arrogant und ungehobelt wirken lassen: Er verlangt "irgendwelche" amerikanischen Zigarretten, tritt zwischen einen Spieler und die Dartscheibe und bezahlt eine Lokalrunde, ohne allerdings selbst mitzutrinken. Auch sein Umgang mit seiner Frau weist ihn als jemanden aus, der sich nicht in andere Menschen hineinversetzen kann. Daß er die ewigen Unterbrechungen seiner Arbeit durch seine gelangweilte Frau nicht goutiert, kann sicher noch jeder verstehen, der selbst konzentriert zu Hause arbeiten muß. Aber daß er während des Vorspiels im Bett unbedingt noch einen Wecker aufziehen muß - gerade als ein Shandy ist man gegenüber solchen Abschweifungen sensibilisiert. Eine Filmszene lädt geradezu dazu ein, David zu verachten, und dieses Gefühl wird von Peckinpah meisterhaft provoziert: Um seine Frau vergewaltigen zu können, locken ihn die Handwerker aus dem Haus, indem sie ihn zur Entenjagd einladen. Während der Vergewaltigungsszene blendet Peckinpah in der Folge immer wieder zu David über, der, in seinen Parka gehüllt, auf einem Stein sitzt und orientierungslos um sich blickt, dabei ab und an auf in der Luft flatternde Enten schießend. Als er schließlich einen Vogel erwischt, ist er dermaßen entsetzt über dessen Tod, daß er benommen nach Hause wankt. Interessanterweise basiert diese Szene teilweise auf dem biographischen Hintergrund des Regisseurs, der in jungen Jahren einmal von seinem Vater zur Hirschjagd mitgenommen wurde, was er keinesfalls genoß. Im Kontext der Handlung allerdings wird David hier einmal mehr als ein Mensch gekennzeichnet, der sich so sehr in seiner eigenen Welt abgekapselt hat, daß er nicht erkennt, was um ihn herum vorgeht. Übrigens wird er während des gesamten Films nicht erfahren, daß seine Frau zweimal vergewaltigt wurde - auch ist er unfähig, oder nicht willens, die Andeutungen seiner Frau zu verstehen.
Was David letztlich dazu treibt, sich am Ende gegen die Dorfbewohner zur Wehr zu setzen, bleibt ungewiß. Ist es der berühmte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt? Ist es der Wunsch, sich endlich vor seiner Frau - und sich selbst - von dem Vorwurf der Feigheit reinzuwaschen? Ist es Verantwortungsgefühl gegenüber Henry Niles? Keine dieser Deutungsmöglichkeiten überzeugt so ganz, und dies macht den Film an dieser Stelle ein wenig unglaubwürdig. Gewaltverherrlichung aber kann man Peckinpah hier mit Sicherheit nicht vorwerfen, denn, anders als bei Tarantino und vielen modernen Regisseuren, erfüllt die Gewalt hier keine voyeuristischen Neigungen, auch wenn sie beim Zuschauer eine gewisse Erleichterung hervorrufen dürfte. Peckinpah stellt Gewalt ungeschminkt, aber auch nicht ästhetisierend überzeichnet oder comichaft grotesk dar, und am Ende des Filmes wird deutlich, daß die Gewalt nichts gelöst, sondern das Ehepaar noch mehr voneinander entfremdet hat. David tut hier etwas, was wohl kein liebender Ehemann tun würde: Er läßt seine Frau allein in einem Haus mit fünf bestialisch zugerichteten Leichen zurück, um Henry Niles zur Polizei zu bringen. Dieser scheinbar belanglose Abschied dürfte ein Abschied für immer sein. Noch deutlicher wird dieser Umstand, wenn Niles im Auto zu David sagt: "I don't know my way home." und dieser grimmig resigniert entgegnet: "That's okay. I don't, either." Die Gewalt und die Erkenntnis dessen, wozu er fähig ist, haben David sich selbst keineswegs näher gebracht, sondern ihn im Gegenteil von sich selbst entfremdet. Vielleicht war diese mörderische Orgie am Ende einfach nur eine Fluchtmöglichkeit des feigen Mannes, eine Art, sich von seiner Frau zu trennen und sein altes Leben hinter sich zu lassen? "Straw Dogs" läßt uns hier ratlos zurück.
Nicht ganz so bewundernswert ist das Frauenbild, das uns Peckinpah hier auftischt: Amy scheint die Aufmerksamkeit ihres Mannes mehr als alles andere zu brauchen, weil sie offenbar keinen eigenen Lebensinhalt hat. Ihre aufreizenden Provokationen gegenüber den Handwerkern können kalkulierte Manöver sein, um David eifersüchtig zu machen und seine Beachtung zu finden, sie lassen aber auch die wenig erfreuliche Interpretation zu, Peckinpah wollte damit sagen, daß Amy nicht ganz unschuldig an ihrer Vergewaltigung sei - Vergewaltigungsopfern eine Teilschuld zuzuschieben ist heutzutage glücklicherweise eine indiskutable und zu Recht verfemte Strategie. Daß Peckinpah eventuell diesen Eindruck aufkommen lassen wollte, macht ihn nicht unbedingt zu einem sympathischen Menschen - genausowenig wie sein Umgang mit der Schauspielerin Susan George, die eine Heidenangst vor der Vergewaltigungsszene hatte und deren Angst vom Regisseur noch eigens geschürt wurde.
Die vorliegende Doppel-DVD zeigt den Film endlich in einer ungeschnittenen Version und enthält neben vielen weiteren Extras auch den Audiokommentar des Filmhistorikers Mike Siegel, der einige sehr erhellende Erkenntnisse - etwa über Peckinpahs rauhbeinigen und manipulativen Umgang mit seinen Schauspielern - bringt. Von mir eine uneingeschränkte Empfehlung!