Die auf dieser DVD von der Deutschen Grammophon vorgelegte Einspielung der "Salome", dem ersten der beiden Opern-Einakter von Richard Strauss, ist das Ergebnis einer unter der Regie von Götz Friedrich eigens für das Fernsehen erstellten Fassung aus dem Jahr 1974. Es handelt sich hierbei weder um eine für das Fernsehen abgefilmte Vorführung aus einem Opernhaus, noch um eine filmische Realisation an offenen Schauplätzen in freier Natur oder an irgendwelchen konkreten Orten. Stattdessen wird, ähnlich wie in Friedrichs filmischer Umsetzung der "Elektra", die ebenfalls bei der Deutschen Grammophon auf DVD erschienen ist, eigens eine Szenerie geschaffen, die als Spielgrund für das dramatische Geschehen dient und die sich - analog unseren Vorstellungen von der biblischen Antike - aus historisierend gestalteten Bildern zusammensetzt. Das dekadente Leben im Palast des Herodes, welches in Einklang steht mit der "décadence" des "fin de siècle", der Entstehungszeit von Wildes Drama, findet seine bildliche Entsprechung in den prachtvolen Kostümen und den Schmuckstücken des Herrscherpaares sowie in der opulenten Ausstattung der Szenerie mit Teppichen, Obstschalen, Öllampen etc.
Eine sängerische wie auch darstellerische Glanzleistung bietet Teresa Stratas in der Rolle der Salome: gibt sie sich in der ersten Hälfte der Oper auch noch so kühl und abweisend gegenüber dem sie begehrenden Herodes und gleichgültig gegenüber dem sie vergötternden Narraboth, so wird ihr zunächst allein durch die Stimme des Propheten erwecktes Verlangen nach Jochanaan schon früh als übersteigert offenbar. In der Folge steigert sich ihr Ausdruck von erotisch-lasziv im "Tanz der sieben Schleier" über äußerste Ungeduld in dem Moment, wo sie glaubt, der Henker vollbringe seinen Auftrag nicht, bis hin zu höchster Ekstase, als man ihr endlich das abgeschlagene Haupt des Jochanaan reicht. All dies wird von Teresa Stratas mit den Mitteln einer großartigen Mimik und Gestik erreicht, was in den vielen Naheinstellungen von ihrem überaus schönen Gesicht besonders zum Tragen kommt. Überhaupt trägt die hervorragende Kameraführung, wie sie auf einer herkömmlichen Opernbühne nicht möglich wäre, mit zum fesselnden Charakter dieser Aufführung bei. Die Farbigkeit der Partitur spiegelt sich wieder in einer ausgeklügelten Licht- und Farbregie, die eine starke Atmosphäre schafft und die diese "Salome" auch zu einem ästhetischen Erlebnis werden lässt.
Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass neben der herausragenden Teresa Stratas auch die übrigen Rollen hervorragend interpretiert werden. Hans Beirer spielt und singt einen psychopathischen Herodes, der weder seine Furcht vor Jochanaan bzw. vor dem Kommen des Messias noch seine sexuelle Begierde nach seiner nicht-leiblichen, aber noch jugendlichen Tochter unterdrücken kann. Astrid Varnay, die in Friedrichs späterer "Elektra"-Produktion als Klytämnestra mitwirkt, spielt die herrische und zugleich eifersüchtige Gemahlin des Tetrarchen. Bernd Weikl ist ein eindringlicher Jochanaan, und das vielgerühmte Juden-Quintett, mit dem Strauss in atonale Sphären vorstößt, erscheint geradezu entfesselt. Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Karl Böhm bieten wie zu erwarten eine klassisch klangschöne Strauss-Interpretation.
Fazit: Eine werkgetreue, d. h. traditionell nacherzählende, gleichwohl fesselnde Aufführung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.