Einstürzende Neubauten, 2002-2010. In dieser Zeit veröffentlichte die Gruppe so viel Musik wie in den 21 Jahren zuvor niemals. Perpetuum Mobile, Grundstueck, Alles Wieder Offen waren die (regulären) Studioalben, The Jewels war eine Dreingabe, es gab ganze acht Musterhaus-Veröffentlichungen, es gab Konzerte im Palast der Republik und eine zugehörige DVD, es erschien eine Biographie (sehr zu empfehlen). Das alles vor dem Hintergrund des viel beschriebenen Supporter-Prinzips: Willige Kunden bezahlen das Album vorher, geben etwas mehr Geld als eine CD an sich kosten würde. Und erhalten Einblick in die Produktionsprozesse oder exklusive Downloads (wie die famose Airplane Minatures-EP in Phase II), schauen in Webcasts direkt im Studio bei Aufnahmen zu. Die Band hat ein Prinzip entwickelt, das dem geneigten Fan ein "Rundum-Sorglos-Paket" bietet. Und dabei, so ganz nebenbei, drei ihrer schönsten Alben veröffentlicht.
Strategien Gegen Architektur IV fasst nun die Schaffenszeit zusammen, erzählt die Geschichte der Neubauten im dritten Jahrzehnt ihres Bestehens. Die einzelnen Titel sind im bewährten Verfahren rar, live eingespielt oder irgendwie sonst "anders" als auf den Studioalben. Es ist nicht einfach eine Best Of-Compilation, sondern ein detailreicher und lohnenswerter Überblick. So bildet eine 4:31min lange Version von Perpetuum Mobile den Start, dem Stück also, welches eigentlich 14:14 dauerte, dann auf 13:42 gekürzt wurde und nun fast radiotaugliche Länge hat. Es folgt die vollständige Version des Titels "Selbstportrait mit Kater", bislang den Supportern der Phase I vorbehalten. "Youme & Meyou" hört man in einer famosen Liveversion und findet sich zwei Stücke später bei einer verpassten "Party in Meck-Pomm", definitiv dem lustigsten Stück, das die Band jemals aufgenommen hat. Der Leitsatz "Niemand hat mir irgendwas, irgendwas davon gesagt" spukte lange nach dem legendären Entstehungstag dieses Songs in vielen Köpfen der Supporter umher und es tut gut zu sehen, dass die scheinbar so ernsten Neubauten es wagen, diese musikalische Hommage an Ton Steine Scherben zu veröffentlichen. "X" gibt es in der Version mit Judith Holofernes, die zufällig im gleichen Studio mit ihrer Band aufnahm. Aber nicht so böse klang, wie die Version auf dem ersten Supporter-Album. Highlight der ersten CD ist das am Ende platzierte "Palast der Republik". Unterstützt von einem 100köpfigen Chor, spielen die Neubauten das Gebäude selbst. Der Palast als Instrument, das hätte sich Honecker nicht gedacht. Ein musikalisches Stück Erinnerung an diese leider abgerissene deutsche Nachkriegsgeschichte.
Die zweite Scheibe präsentiert in ähnlicher Manier Perlen der letzten Jahre, vor allem aus Phase III, deren "Sendezeichen", eine Art Jingle, enthalten ist. Hier werden die Jewels "Jeder Satz mit ihr hallt nach" und "Magyar Energia" vorgestellt, letzteres in einer verlängerten Version. Ebenso enthalten ist das bislang der Supporter-Version von "Alles Wieder Offen" vorbehaltene "Birth Lunch Death", das einst aus einer Liveimprovisation in San Francisco hervorging.
Und dann, nachdem Bertolt Brecht erklärt hat, warum wir keine Mobiltelefone brauchen, wird es wirklich interessant: aus allen "Musterhäusern" schnitt man eine "Ausstellung" zusammen. Beginnend mit einer Kurzversion des eigentlich fast 45minütigen Anarchitektur, geht es in "Et Cetera" querbeet durch alle 8 Alben. Man hört die Klavierversion des zum Klassiker gewordenen "Die Befindlichkeit des Landes", man hört Bassfedern und Stimmen und Unglaublichen Lärm. Dies alles geht in das Singen der Weingläser des letzten Musterhaus über, aus dem "Tohu Wa Bohu" herausklingt und diese Zusammenstellung beendet.
Für Neubauten-Fans und selbst für Supporter, die "alles haben", lohnt diese Zusammenstellung allein ob der großartigen "Party In Meck-Pomm" und der "Musterhaus-Ausstellung". Und musikinteressierte Menschen sollten den Neubauten hier gerne ein offenes Ohr leihen, ohne zu erwarten, dass das alles noch kracht wie früher. Es sind wunderbar kunstvoll ausgestaltete Stücke, hervorragend gespielt und voller kleiner Klangtüfteleien. In glasklarer Produktion, die ohne Loudness-Wahn auskommt, auch das sollte erwähnt werden.