Würde es sich bloss um eine ganz gewöhnliche Neuauflage handeln, wäre meine Bewertung noch positiver. Aber Verlag und Autoren bestehen darauf, dass es sich bei der 5. Auflage um eine völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage handle. Dabei stört mich nicht das Sprachrätsel, ob nun die Bearbeitung auf völlig neue Art geschah oder ob der Inhalt einer Totalrevision unterzogen wurde. Mich stört, dass in einem so bekannten Werk die neusten Erkenntnisse der Neurologie nicht berücksichtig wurden, weiterhin ein eigenes Vokabular gebraucht wird und letzlich eben doch ein Glaube an die mechanistische Steuerbarkeit der menschlichen Psyche vorherrscht. Von "Autoren" zu sprechen, ist übrigens missverständlich. Denn Werner Kroeber-Riel ist verstorben und übertrug offenbar noch vor seinem Tod die Fortsetzung seines Standardwerkes dem jüngsten Habilitanden.
Wer das Buch nicht aus der Sicht einer Neuauflage beurteilt, wird ihm wohl noch immer fünf Sterne verleihen. Denn im deutschen Sprachraum gibt es kaum Vergleichbares. Und es ist ja nicht so, dass der Inhalt ungenügend oder falsch wäre. Im Gegenteil, aus traditioneller Sicht beurteilt sind die verhaltenswisssenschaftlichen Ansätze nach wie vor gültig und erhellend. Und wer den Ausführungen folgt, wird noch immer mit einem Wissensvorsprung belohnt, der in der Regel zu besseren Produkten führt oder überraschende Einsichten erlaubt.
Der Jünger von Werner Kroeber-Riel hat das schwere Erbe übernommen, das Fundament seines Übervaters nicht zu zerstören und trotzdem neue Bauten zu konstruieren. Wer weiss, wie schwierig ein solches Unterfangen ist, wird ihm den etwas lauen Emanzipationsversuch verzeihen und gespannt auf die sechste Auflage warten. Zu dieser Zielgruppe gehöre auch ich.