Für mich persönlich der "wahre von Senger", das Strategembuch, das es zu lesen gilt, fern der meiner Meinung nach leider eher unglücklichen Adaptionen in "36 Strategeme für Manager".
In dieser Sammlung beginnen die Strategeme (ich ziehe das schlichte chinesische Zahlwort "Ji" vor, um nicht der nachhaltig irreführenden Assoziation "Strategie" zu erliegen) in den gebotenen Versionen historischer oder literarischer Hintergrundgeschichten zu leben, ist ausreichend Raum und Basis für eigene Ideen, Gedanken Interpretationen gegeben - denn dazu sollen einen die 36 Ji ja schließlich und endlich führen!
Für an China oder aber den Themen systematischer Situationserfassung und strategischen Handelns Interessierte eine zwar gewaltige, martialische aber doch sehr bunte, vielseitige und damit packende Fundgrube gewitzten Denkens.
Das umfassendste Werk des Mannes, der mit seinem Engagement für das Thema entscheidend dazu beitrug, dass die 36 Ji heute auch in "Greater China" wieder mehr sind als irgendeine eine historische Sprüchesammlung.
Ob man das wiederum gut heißt, steht auf einem anderen Blatt. Viele der aus von Sengers Wiederbelebung dieser Feldherrenliteratur erwachsenen Übertragungen und Gedankenspiele sind wie erwähnt leider eher irritierend.
Das liegt insbesondere daran, dass die Feldherren, denen dieser Katalog ursprünglich zugedacht war, für Fehler schlicht mit dem eigenen Leben bezahlten. Der Katalog diente in diesem Sinne vorrangig dazu, durch sorgfältigste Risiko-Kontrolle das eigene und das Leben anderer zu schützen.
Heutige, strategemgeschulte "Managementfeldherren" verwenden ihn dagegen durch die erwähnte "Strategie"-Assoziation leider offensiv planend, als Anleitung zum Angriff. Dabei zahlen sie den Preis dieser "Attacken" deutlich seltener selbst als ihre historischen Vorbilder. Insofern ist vor allzu schnellen Parallelen nachdrücklichst zu warnen: Es geht bei den Strategemen primär um eine defensive Wahrnehmungsschule, weniger um eine offensive Planungsschule!
Erfolgreiche Pläne brauchen damals wie heute vor allen Dingen: Kreativität!
Und dies wiederum ist ein Grundprinzip asiatischer Kampfkunst: Standardschemata in der Abwehr automatisieren, um die notwendigen Ressourcen für erfolgsentscheidende Kreativität frei zu legen. So verstanden kann man von den Strategemen tatsächlich auch heute noch profitieren, und zwar nicht weil man selbst "listiger" würde, sondern insbesondere um- und vorsichtiger, sowie reaktionsschneller. Speziell von Sengers Einlassungen zur Bewertung von "List" in China und Deutschland halte ich daher für sachlich falsch und inhaltlich verfehlt.
Trotzdem wie zu Beginn gesagt: Bei entsprechender Zeit lesenswert und anregend.