Wenn eine Band so lange "pausiert" hat, und die Individuen daraus, zwischenzeitlich, so viel erlebt haben, ist man gespannt, wieviel vom alten Zauber noch existiert.
Edie Brickell hat wohl die auffälligste Karriere hingelegt. Der Rest der Gruppe war sicherlich auch nicht inaktiv, währenddessen.
Edie und ihre Liason mit Paul Simon brachten indes gemischte Einflüsse und Ergebnisse hervor. Ihr erstes Soloalbum klingt etwas kommod und vergleichsweise wenig lebhaft, aber ist dennoch schön. Man spürte deutliche Veränderungen und musste erst einmal warten. Fast zehn Jahre, bis zum "Volcano" Album, welches zwar auch sehr introspektiv geriet, aber deutlich tiefgründiger und wieder mehr auf die eigene Stimme fokussiert. (Es ist mir schon klar, dass man als Ehefrau eines Paul Simon, einem der größten Songschreiber aller Zeiten, auch seine eigene Kunst zu hinterfragen beginnt - aber Edie hätte diesen "Umweg" auch einfach auslassen können, weil sie stark und eigen genug ist, wie ich finde)
"Volcano" war für meine Wahrnehmung eine Art "Rückkehr ins Jetzt". Das Album ist wunderschön.
Und plötzlich steht dann ein neues Werk mit den Bohemians vor der Tür! Damit hatte ich ehrlichgesagt (so schnell) nicht gerechnet. Vielleicht kam es auch ein bißchen zu früh.
Vorneweg: Das Album ist grundsolide und auch "lovely", gar keine Frage. Und in Zeiten von akustischem Sondermüll-Overkill ist sowas natürlich der reinste Segen - Ehrliche, handgemachte und empfundene Musik. Dann auch noch sehr gut produziert; "was will man mehr?", könnte man fragen.
Aber auch hier bin ich als extremer Fan der beiden Vorgängeralben sehr stark vorbelastet. Beide zähle ich auch zu meinen absolut schönsten Lieblingsalben, aller Zeiten. Da wird's natürlich auch schwer...
Viele Musiker setzen heute wieder auf den extrem puren Sound. Auch "Stranger Things" wurde so gemacht. Das klingt ehrlich und direkt, nimmt dieser speziellen Gruppe aber auch leider ein wenig von ihrem lyrischen und fragilen Touch. Nimmt man den Sound von U2 oder den von CCR???
Edie und ihre Bohemians hatten auch immer starke Roots-Einflüsse, aber wollen wir, dass sie wie eine Bluesband klingen? Hmmmh...
Das schöne an "Ghost of a Dog" war doch gerade, dass man moderne, intellektuelle Werte mit den Traditionen vermischt hat; genau das macht diese Platte so zeitlos. Und der Klang, den sie damit kreiert haben, mag auch ein wenig nach "90er Jahren Effektprozessoren" geklungen haben, aber genau das war ein EINZIGARTIGER Sound, auf diese Weise. Diese Ästhetik und die Gesinnung der Band waren praktisch Eins.
Edie's Gesang ist doch quasi das Nonplusultra für ätherische Songs und große Klanglandschaften. Die alten Balladen waren meisterliche Großtaten. Unübertrefflich! Das geht natürlich mit einer solchen Produktion nur noch bedingt so auf. Es gibt auch hier solche Nummern, die aber tatsächlich eher an Blues erinnern, in ihrer Direktheit. Sie sind auch sehr gut, aber man kann es mit dem alten Material leider nicht vergleichen.
Den wenigsten ist vielleicht auch aufgefallen, dass der zweite Gitarrist, Wes Burt-Martin, nicht mehr an Bord ist. Mir fiel sofort auf, dass hier gitarrenmäßig irgendetwas ganz anders ist. Sicher, Kenny Withrow benutzt kaum noch Effekte und spielt fast ausschließlich "trendy Vintage Stuff", aber man merkt auch sofort, dass ihm sein Sparringspartner aus alten Tagen deutlich fehlt. Es tönt zu saturiert, abgehangen und abgeklärt (Das gilt auch dezent für das ganze Album). Da wo früher wahnwitzige, kreative 6-saitige Feinheiten ausgetüftelt und die Bälle hin und her gespielt wurden, klafft nun eine etwas leblose Lücke.
Es ist (ganz andere Baustelle) das, was Keith Richards und Ron Wood die "Kunst des Webens" nennen. Das hatten diese 2 Bohemians in einer Schönheit kultiviert, die ich persönlich schmerzlich vermisse.
Auch die "Unschuld" dieser Phase, die ja größtenteils diese Musik mitdefinierte, ist irgendwie abhanden gekommen.
Vielleicht waren die falschen Gründe für dieses Comeback ein Grund dafür. Vielleicht liegt es auch ein Stück weit daran, dass Edie nun einfach eine von den obersten 1000 geworden ist, und das schwingt hier ein bißchen mit. Alles wird zu ernst genommen und tötet auch ein bißchen die Spontanität der frühen Tage.
Aber meine Güte, dass sind alles weißgott Luxusprobleme, die die meisten Hörer wahrscheinlich weder hören noch allzu sehr interessieren werden.
Es bleibt dennoch ein sehr gutes Album mit einem guten Schuß schöner Erinnerungen, dass man gerne mal auflegt!
Und verzeiht mir meine Ausschweifungen hier, aber ich fühlte mich berufen auch mal meine Sicht darzulegen. Immerhin habe ich gut 2 Jahre damit gezögert ;-)
Schöne Grüße und viel Freude mit Edie und den Jungs!
...und Wes: Please come back! :-)