Ein Junge am Strand. Die Wellen brechen sich am Ufer in einer wilden weißen Gischt und schlagen hohe Wellen. Ein Sommertag, aber es herrscht Seegang. Der Junge ist mit einer Schaufel unterwegs und sucht im Schlick.
Was er gefunden hat, nimmt er nun auf der Decke wortwörtlich unter die Lupe. Ein Fernglas, ein Mikroskop stehen bereit. Wir haben es mit einem rastlosen, jungem Entdecker zu tun. Bald langweilt ihn der angstvoll dreinblickende Einsiedlerkrebs und es zieht ihn wieder ans Wasser, wo ihn aus dem Hinterhalt eine Welle mitreißt.
Klitschnass sitzt er danach durchgeschüttelt im Sand - vor ihm liegt ein seltsamer Apparat, den die Welle ans Ufer geworfen hat. In Algen verwickelt, von Muscheln überwuchert - eine uralte Unterwasserkamera.
Bei der eingehenden Untersuchung des antiquarischen Fotoapparates findet der Junge darin einen belichteten Film. Jeder mittelmäßig neugierige Strandgutfinder würde nun dasselbe tun. Ungestüm läuft der Leser also mit dem Jungen zum Fotogeschäft, wo die Entwicklung nur eine Stunde dauern soll. Eine Sequenz von kleinformatigen Bildern, die den jungen Entdecker ungeduldig auf einer Bank sitzend, liegend, wartend, wieder sitzend zeigen, lässt den Leser gleichsam atemlos auf das Ende dieser unendlich langen Stunde warten.
Unterwasserwelten. Aufziehbare Maschinen, die Fischen ähneln. Eine Oktopusfamilie im Ohrensessel. Es wird vorgelesen, die blauen Oktopuskinder lauschen gebannt. Schwimmende Muschelstädte auf den Rücken von Riesenschildkröten. Die Unterwasserkamera hat auf ihrer Reise durch den Ozean wunderbare, nie gesehene Welten fotografiert.
Aber das letzte Foto zeigt ein Mädchen. In der Hand hält es ein Foto, auf dem ein Junge ein Foto hält, das einen anderen Jungen zeigt. Und immer so weiter. Mit der Lupe und schließlich unter dem Mikroskop wird in schwarz-weiß und in Kleidern aus dem 18. Jahrhundert das erste Kind sichtbar, das die Kamera auf die Reise geschickt haben muss. Eine Zeit- und Weltreise, eine Reise durch Traumwelten, ein Gruß an den nächsten jungen Entdecker der am Strand diesen seltsamen Apparat genauer in Augenschein nimmt. An andere Kinder, die alles wissen wollen und noch mehr glauben können.
David Wiesner erzählt seine surreale, traumhafte Geschichte von "Strandgut" ganz ohne Worte. In randlosen Nahaufnahmen, doppelseitigen Panoramaausblicken und kleinformatigen Bildern im Comicstil zeigt Wiesner die Langeweile eines Strandtages und lässt dann urplötzlich die Geschichte an Fahrt gewinnen. Zieht den Betrachter ganz dicht mit hinein in das Abenteuer, so dass er die nassen Hosenbeine spürt, wenn die Welle den seltsamen Apparat ausspuckt. Vergrößert jedes Foto auf eine ganze Seite, so dass das Auge sich an den doch einwandfrei dokumentierten Unwahrscheinlichkeiten weiden und jedes Detail studieren kann.
Es macht Sehnsucht, dieses "Standgut". Sehnsucht nach Geheimnissen und kleinen Wundern, die ganz dicht neben der schnöden Wirklichkeit möglich sein könnten.
Für "Strandgut" nahm David Wiesner 2007 seine dritte Caldecott Medaille in Empfang. Von seinen zahlreichen Bilderbüchern sind bisher erst zwei in Deutschland im Carlsen Verlag erschienen.