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am 14. Januar 2008
Freie Liebe, heißer Sex, Ekstase - davon sind Edward und Florence im Sommer 1962 weit entfernt, als sie in einem Hotelzimmer am Meer der Hochzeitsnacht entgegen fiebern. Obwohl schon über ein Jahr zusammen, sind beide eigentlich unerfahren im Umgang mit dem anderen Geschlecht. So verschieden ihre Lebenswelten und ihre Herkünfte sind, so quälen jeden auch unterschiedliche Gedanken an das bevorstehende "Ereignis".
Während Edward alles richtig machen möchte, aber nur Angst hat zu versagen oder zu früh zu kommen - immerhin hat er sich eine Woche enthalten, verspürt Florence einfach nur Widerwillen und Ekel vor dem, was auf sie zukommt. Für sie würde es reichen, sich zu lieben und zu ehren und glücklich zusammen zu leben.
In fünf Kapiteln lässt McEwan den Leser teilhaben, wie sich Florence und Edward kennenlernen, gibt uns Einblicke in die jeweiligen, doch so unterschiedlichen Familienverhältnisse der beiden, und beschreibt gemeinsame glückliche Momente des verliebten Paares.
Sprachlosigkeit, das Klammern an Konventionen, das gegenseitige höfliche Verschweigen ihrer Unterschiede, und die Angst vor den eigenen Gefühlen macht beide blind füreinander, und lassen beide in einer Scheinwelt wandeln. Die Hochzeitsnacht mündet unweigerlich in ein Fiasko. Aber keiner von Beiden ist in der Lage, einen Schritt auf den anderen zuzugehen, keiner sieht einen Ausweg aus der Situation.
Am Ende des Buches blickt Edward zurück und denkt daran, wie entschieden anders sein Leben zusammen mit Florence gelaufen wäre, hätte er sich am Strand anders verhalten: "So kann sich der Lauf eines Lebens ändern - durch Nichtstun". Wobei beide Protagonisten sicherlich aus ihrer Situation und Zeit heraus sich einfach nicht anders verhalten konnten.
Ein toller Roman, eine traurige Liebesgeschichte, ein Stück Zeitgeschichte.
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am 20. Juli 2007
Ian MacEwan, Autor so wunderbarer Romane wie "Abbitte" und "Saturday", scheint sein Thema gefunden zu haben. Immer wieder variiert er den Moment, in dem das Schicksal eingreift und das Leben der betroffenen Menschen unwiederbringlich verändert, in seinen Erzählungen und Romanen.

Auch in seinem gerade erschienenen neuen Roman "Am Strand" legt er die Geschichte zweier ganz frisch verheirateter Menschen auf diesen Punkt an.

Florence und Edward haben soeben geheiratet. In einem Hotel an der Küste Englands wollen sie ihre Hochzeitsnacht verbringen. Es ist das Jahr 1962, die sexuelle Revolution hat noch nicht Einzug gehalten, beide sind unerfahren und unsicher. Die Angst, etwas falsch zu machen sitzt tief.

Ian McEwan lotet die Gedanken beider Partner genau aus. Edward hat bereits einige Zeit im Elternhaus von Florence verbracht. Er genießt die offene, intellektuelle Atmosphäre, die in ihrer Akademikerfamilie herrscht. Er selbst hat sein Studium der Geschichte mit Bravour bestanden, stammt aus einer ländlichen Gegend und wuchs mit einer kranken Mutter und einem überforderten Vater auf. So kann er sein Glück, nun bald mit Florence ein freies, selbstbestimmtes Leben führen zu können, kaum fassen.

Doch in dieser Nacht, in der alles so einfach sein könnte, nehmen Erwartungen und Wirklichkeit einen so unheilvollen Verlauf, dass sich Florence und Edward wie zwei Fremde gegenüber stehen...

Kraftvoll und konzentriert, konsequent und ohne Aufhebens konfrontiert McEwan den Leser auch in "Am Strand" mit dem Wimpernschlag, der schließlich eine entscheidende Weiche stellt. Unumkehrbar wird auch in diesem Buch eine Liebe auf eine Probe gestellt, über die schließlich eine eilige und unbedachte Äußerung, ein Moment, in dem jemandem die Kontrolle über das, für das er Verantwortung übernommen hat entgleitet, entscheidet.

Abermals gelingt ihm mit diesem Buch ein kleines Kunstwerk, mit ungeheuren "Zwischen den Zeilen-Botschaften" und einer Wortdichte, in die man abtaucht und die einen erst aus ihrem Bann entlässt, wenn man das Buch zuschlägt. Grandios!
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am 20. Juli 2007
Zwei Jahre haben wir nun mit großer Spannung auf das neueste Buch von Ian McEwan gewartet. Nach dem sensationellen Erfolg von "Abbitte" 2002 und der ungewollten Prophezeiung der Londoner Attentate 2005, die er mit seinem kurz vorher erschienenen Roman "Saturday" tat, legt er nun einen kleinen, aber feinen Roman vor, der uns weit in die Vergangenheit zurückführt. Der Roman spielt im Juli 1962 in England, einer Zeit, an deren Kultur und Gesellschaftsnormen sich nur die älteren Leser aus eigener Anschauung erinnern. Für alle nach dieser Zeit Geborenen ist die Lektüre dieser tragischen Liebesgeschichte eine interessantes, aber auch erschütterndes Panaroma einer Zeit, in der die Liebe noch Konventionen unterworfen war, die sich heute niemand mehr gefallen lassen würde.

Edward und Florence haben geheiratet und sitzen nun in ihrer Flitterwochensuite in einem Hotel am Strand von Chesil Beach in Südengland. Sie haben sich ihr Dinner aufs Zimmer bringen lassen. Die Szene könnte romantisch sein, doch das Zimmer knistert regelrecht vor Spannung, was auch den servierenden Kellnern nicht entgeht, die sich deswegen so schnell es die Form zulässt, zurückziehen und die beiden allein lassen.

Beide, Florence und Edward, sind innerlich auf höchste angespannt, denn in den nächsten Stunden wird etwas geschehen, was beide seit langer Zeit erwartet haben: mit großer Erregung und banger Vorfreude der aufgeregte Edward, mit großem inneren Widerstand bis hin zu regelrechten Ekelattacken und Verspannungen im ganzen Körper die vor Angst zugebackene Florence. Es ist ihre Hochzeitsnacht und nach alter Sitte werden sie bald zum ersten Mal miteinander schlafen.

Für Florence ist die Vorstellung, ihren Mann, den sie sehr liebt, nackt vor sich zu sehen, ihn in sich eindringen zu spüren, ein wahrer Alptraum. Lange Zeit hatte sie es verdrängt, doch nun gibt es für sie kein Entrinnen mehr. Edward ist ein sensibler Mann, der sehr wohl die innere Anspannung seiner Frau spürt. Schon all die Monate vorher, wenn er sie küßte, spürte er, wie sich ihre Zunge zurückzog und sie ihren ganzen Körper verspannte. Dennoch, er ist ihr Mann und er hofft, daß sie, wenn er denn einmal vollzogen wird, den ehelichen Beischlaf auch zu genießen lernen wird.

Und so sitzen die beiden vor ihrem mehrgängigen Hochzeitsessen, bekommen kaum etwas davon hinunter und versuchen sich in belanglosem Smalltalk. Dabei, und das macht den großen Hauptteil des Romans, erinnern sich beide in ihren Gedanken, in die sie während der langen Schweigephasen versunken sind, an ihre jeweiligen Elternhäuser, ihre Kindheit und Jugend und daran wie sie sich kennen gelernt haben.

In der Schilderung dieser Szenen kommt die wahre Meisterschaft McEwans zum Vorschein, die auch schon andere Romane von ihm ausgezeichnet hat: er kombiniert die persönliche Lebensgeschichte von Menschen mit den politischen Vorgängen der jeweils geschilderten Zeit. Und so erfahren wir viel über die britische Innen- und Außenpolitik Anfang der sechziger Jahre, die ersten, von England ausgehenden Protestbewegungen gegen die Atomrüstung (Aldermastonmarsch), bei denen sich unser Liebespaar auch kennen gelernt hat.

Florence und Edward sind beide in nicht ganz problemlosen Familien ausgewachsen. Während Florence Mutter oft genervt ist von der Musik ihrer Tochter, die sie leidenschaftlich immer wieder übt und übt, weil sie den Ehrgeiz hat, es zu einer gewissen Meisterschaft zu bringen, ist Edwards Mutter gar nicht richtig anwesend, und etwa ab seinem vierzehnten Lebensjahr wird ihm und seinen Schwestern richtig bewusst, daß seine geliebte, aber immer seltsam abwesende Mutter geistesgestört ist.

Doch all dies ist nicht die eigentliche Ursache für ihre sexuellen Probleme, jedenfalls legt es der Autor dieses Romans nicht nahe. Das Hochzeitsdinner nimmt seinen weiteren Verlauf, die beiden überlegen noch, ob sie nicht noch einmal an den nahe gelegenen Strand gehen sollten, als Florence die Flucht nach vorne antritt, und vorschlägt, sich auf das Bett zu setzen. Edward beginnt, sie zu streicheln, sie lässt sich verkrampft darauf ein, hebt auch ihr Hinterteil, als er ihr Höschen ausziehen will und bald darauf sind sie beide ganz nackt. Florence nimmt all ihren Mut zusammen und will, so wie sie es in einem ihrer Ratgeber für die junge Ehefrau gelesen hat ( es ist ja nicht so, dass sie sich nicht ausführlich mit dem auseinandergesetzt hätte, wovor sie sich so fürchtet und ekelt), ihrem geliebten Mann helfen, und führt mit ihrer Hand seinen Penis dorthin, wo er hin soll. In Sekundenschnelle ist für Edward der erste Beischlaf beendet und er versinkt in großer Scham. Florence zieht sich in aller Eile an, den trocken werden Samen Edwards noch auf ihrem jungfräulichen Bauch, und flüchtet an den Strand.

Dort findet sie Edward schlussendlich, als er ihr nachgeht und ihr die heftigsten Vorwürfe macht:
"'Du hast nicht die leiseste Ahnung davon, was es heißt, mit einem Mann zusammenzusein, Sonst wäre das nie passiert. Du hast mich auch nie rangelassen. Keinen blassen Dunst hast du von dem Ganzen, stimmt`s ? Du führst dich auf, als schrieben wir das Jahr 1862. Du weißt ja noch nicht einmal, wie man richtig küsst.'"

Florence setzt sich zur Wehr, wirft nun ihm vor, versagt zu haben, womit sie ja auch nicht ganz Unrecht hat. Der Streit eskaliert, sie trennen sich, Edward sagt die angebotene Stelle bei Florence` Vater ab und wird sich fortan nie mehr binden. Aber er wird Florence nie vergessen:
"Endlich ( als er über sechzig ist) konnte er sich eingestehen, daß er nie wieder jemanden kennengelernt hatte, den er so liebte wie sie, daß er nie wieder jemand getroffen hatte, Man oder Frau, der es an Ernsthaftigkeit mit ihr aufnehmen konnte. Wäre er mit ihr zusammengeblieben, hätte er sein Leben vielleicht aufmerksamer und zielstrebiger gelebt, hätte vielleicht sogar die Geschichtsbücher geschrieben."

Er weiß, dass Florence immer noch in dem von ihr gegründeten Quartett erfolgreich öffentliche Auftritte absolviert, aber es kommt nie mehr zu einer Begegnung der beiden.

Ein so gesehen trauriger Roman über zwei intelligente Menschen, die sich sehr viel zu sagen haben, deren Körper aber nicht die Zeit hatten, die ihnen gemäße Sprache zu lernen, und die aber auch nichts dafür tun, dass sich dieser bedauernswerte Zustand änderte und sich so immer weiter gegenseitige Verletzungen zufügen und durch konsequentes Nichtstun den Lauf ihres ganzen Lebens verändern. Ein Roman, der sensible Einblicke vermittelt in die Gesellschaft Großbritanniens in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, ein Werk, das wie auch die letzten Romane McEwans ein sprachliches Erlebnis ist.
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am 21. September 2014
Fast wie bei Fontane ist der komplette Roman bereits in den ersten Sätzen verborgen: "Sie waren jung, gebildet und in ihrer Hochzeitsnacht beide noch unerfahren, auch lebten sie in einer Zeit, in der Gespräche über sexuelle Probleme schlicht unmöglich waren. Einfach sind sie nie."

ACHTUNG: Spoiler

Es ist nicht ganz leicht, dieses Buch zu besprechen, ohne Zitate zur Argumentation zu bringen, ohne Spoiler zu sein und ohne die Regeln Amazons zu brechen. Denn McEwan verwendet genaue Vokabeln. Es sind sehr präzise, fast klinische Begriffe, mit denen er die Situation erzählt, dennoch sind sie niemals pornographisch.

1962 sind Florence und Edward 22 Jahre alt, als sie heiraten. Für den Hochzeitstag haben sie sich in einem Hotel an der Küste eingemietet, wo sie ihre Hochzeitsnacht verbringen wollen. Beide gehen jungfräulich in die Ehe, die wenigen Berührungen, die vorher stattfanden, waren irgendwie unergiebig. Zwar hatte Edward in den Monaten vorher schüchtern versucht, die Sache ein winziges bißchen forscher anzugehen, aber Florence verhielt sich, als solle sie einen Elektrozaun anfassen. Edward beschwichtigte sich mit dem Gedanken, sie wolle sich aufsparen und werde ihn in der Hochzeitsnacht mit den ungeahntesten Genüssen beglücken.

Der größte Teil des Textes beschreibt den Abend im Hotel, der endlich herangekommen ist. Die Flitterwöchner haben Angst vor dem, was bevorsteht, jeder auf seine Art. Beide haben sich vorbereitet für den großen Moment Hochzeitsnacht. Florence, indem sie ein Handbuch zu Rate zog und aufmerksam las. Ein mit Strichmännchen bebildertes Werk, wir haben 1962. Edward bereitet sich vor, indem er auf "Selbstverwöhnungen" (ein Begriff aus dem Handbuch, das/den er aber nicht kennt) für eine ganze Woche vor dem großen Moment verzichtet. (O, o, der Leser ahnt, was kommen wird ...)
Edward ist zwar unsicher, aber er freut sich auf die Hochzeitsnacht. Florence indes ist sich sicher: Es wird ein ekelhaftes, übelkeitserregendes, abgrundtiefes Grauen werden, das sie irgendwie meistern, irgendwie überstehen muß. Sie hat konkrete, plastische Bilder vor ihrem geistigen Auge. - Woher eigentlich? Die Strichmännchen können sie ihr kaum eingepflanzt haben.
Es kommt, wie es kommen mußte: Florence, panisch vor Furcht und nahezu rasend von dem Verlangen, ihre abscheuliche Pflicht zu beschleunigen und endlich hinter sich zu bringen, als sei sie eine Zahnextraktion ohne Betäubung, faßt sie Edward so an, wie sie es im Handbuch gelesen hat. Dem armen Edward geschieht das Unvermeidliche: Er ergießt sich augenblicklich - außerhalb.
Für Florence das schiere Grauen. Sie säubert sich in hektischer Panik mit dem Kissen, stürzt aus dem Zimmer und rennt an den Strand, um sich zu beruhigen. Für Edward das schiere Elend. Irgendwann überwindet er sich, stählt ich in Wut und folgt ihr. Er findet Florence am Strand, dennoch kommt es zu keinem klärenden Gespräch. Der Streit entwickelt sich zu einem Kampf, in dem sich die beiden einander aufs Tiefste verletzen - wider die rationale Einsicht. Keiner kann den rechten Zeitpunkt zum Einlenken erwischen, obwohl sie sich das innerlich so sehr wünschen und eigentlich auch die entspannende, lösende Antwort parat hätten. Sie beharren in gegenseitigen Vorwürfen und bleiben in ihrer grundlegenden Sache und ihrer tatsächlich vorhandenen Liebe sprachlos. Zuletzt macht Florence ein Angebot: das einer platonischen Ehe. Edward ist außer sich.
Florence reist sofort ab, kurz darauf Edward. Die Ehe wird geschieden, sie sehen sich niemals wieder.

Die Schilderung dieses besonderen Hochzeitsabends geschieht in Wellen, ein Hin und Her zwischen widerstreitenden Gefühlen und harmonischen Momenten, zwischen Abweisung und Hingebung, zwischen Unsicherheit und Zuversicht. Der Leser ist gespannt, ob sich die beiden nun endlich finden oder nicht. Die gekonnte und außerordentlich treffende Sprache McEwans läßt uns die Gefühle der beiden Brautleute nahezu riechen. Geschickt eingeflochten sind immer wieder Rückblenden, die uns Lesern die Lebensläufe der beiden verraten - und scheibchenweise ein unaussprechliches Geheimnis. Der Leser spürt zunehmend deutlicher, daß Florence eine Last trägt. Später, in einem kleinen Absatz, WELCHE Last es ist, fast könnte man es überlesen. Weiter präzisiert wird der sexuelle Mißbrauch Florences durch ihren Vater nicht, thematisiert im Grunde gar nicht. Es war halt noch nicht die Zeit ... Thematisiert "nur" durch die Schilderung ihrer extremen Unnahbarkeit und Starre bis hin zur Einkapselung, die weit, weit mehr ist als die Prüderie der frühen Sechziger.

Weil der emotionale, der psychische Unterbau marode ist, scheitert das Paar vermeintlich an Kleinigkeiten, die für sich genommen lächerlich sind und sich rasch beheben ließen, wie ein verhakter Reißverschluß oder Ejaculatio praecox.

Florence ist nicht Täter, sondern Opfer genau wie Edward. Sie ist sogar gequälter als er, der ein zufälliger Mitgefangener ist, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war und eine innerlich zutiefst verletzte, im Grunde zerstörte, Frau kennengelernt hat.

Ein Thema, das man ansprechen und aussprechen konnte, wurde Mißbrauch erst viele Jahre später. Deshalb durfte McEwan in diesem Roman nicht weiter darauf eingehen. Dafür hat er die unsäglichen Leiden beider Partner präzise, nachvollziehbar und klinisch genau, und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, beschrieben. Genial. Bestürzend.
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am 26. Juli 2007
Ian McEwan Am Strand Diogenes
ISBN 3257066074

Ein Szenario, wie man es sich romantischer nicht vorstellen kann: Edward und Florence auf der Hochzeitsreise in einem erstklassigen Hotel in Dorset an der Küste von Chesil Beach.
Scheinbar unbeschwert und überglücklich essen sie zu Abend auf ihrem Zimmer mit Blick auf die an den Garten angrenzende Küste.
Aber der Schein trügt!
In ihnen brodelt es vor unausgesprochenen Gefühlen: Ängste vor der Hochzeitsnacht bestürmen Florence und Vorfreude auf die lange ersehnte Vereinigung erfüllt ihn.
Stilsicher und genau protokolliert McEwan die erste geschlechtliche Begegnung des jung vermählten Paares. Jedes Detail ihrer Gedanken und Äußerungen, ihrer Zweifel und der Unsicherheiten findet den richtigen Ausdruck.
Diese Nacht wird ihr gemeinsames Leben verändern!

Was aber ist geschehen?

Bei einer Aktion der Studentenbewegung gegen Atomkraft hatten sie sich 1961 kennen gelernt.
Er kam aus einem kleinen Dorf, sie aus einer besseren Gegend Oxfords. Beide studierten in London und warteten nach dem Examen auf die Abschlussnote. Er hatte Geschichte studiert und sie Musik. Sie schwelgt in der Kammermusik aller bekannten Künstler der Vergangenheit bis zu Benjamin Britten und spielt selber Geige in einem Quartett, er liebt Rock ?n? Roll und Blues.
Die Emanzipationsbewegung der Jungen von den Eltern und die sexuelle Revolution befanden sich 1962 in ihren Anfängen. Kein Wunder, dass sich Florence und Edward in den Fallstricken vergangener Lebensgewohnheiten und in deren Ritualen verfangen. Sie können ihre eigenen Gefühle nicht einordnen und die des anderen ebenso wenig. Sexualität vor der Hochzeit fand so gut wie nicht statt.
In ihrer Hochzeitsnacht, die so glücklich begann, passiert Unerwartetes.
Florence ist geschockt und Edward ist ratlos und wütend.
Die ersehnte Freiheit, die sie sich nach der Hochzeit und befreit von der elterlichen Bevormundung erhofften, zerrinnt ihnen unter den Händen.

McEwan beobachtet genau und registriert auch die kleinste Regung, so dass man alle Szenen fast wie in einem Film miterlebt.
Die tastende Unsicherheit der Annäherung, die vertrackten Täuschungen, denen sie aufsitzen; ihre ersten Begegnungen in den Elternhäusern, die unterschiedlicher nicht sein können: McEwan hat alles im Blick!

Er zeichnet sein Porträt einer Zweierbeziehung atmosphärisch eindringlich. Ihm steht ein unermüdlich vielseitiger und poetischer Sprachschatz zur Verfügung, mit dem er mitreißend Stimmungen des Augenblicks einfängt.
Man sieht die Landschaft, hört die Geräusche des Wassers und der Nacht und kann sich dem tragischen Missverstehen eines jungen, verliebten und zugleich enttäuschten Paares nicht entziehen.
Wie er die Geschichte einbettet in die Zeit politischen Wandels, die eine veränderte Sexualmoral und den kalten Krieg mit sich bringt, das zeigt ihn als Meister der unterhaltsamen und fesselnden Poesie.

Auch in diesem Roman stehen menschlichen Beziehungen wie in seinen vorherigen Büchern im Focus seines Berichts. Er weiß, dass sie glücken oder misslingen können, denn vieles hängt vom richtigen Handeln zum rechten Augenblick ab.

Zuletzt gewährt die Weisheit des Alters einen genaueren Blickwinkel!

McEwan wird wie bei seinen vorherigen Büchern ? Abbitte? und ? Saturday? ein begeistertes Publikum finden!
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TOP 1000 REZENSENTam 19. Januar 2010
...unterbreitet Florence ihrem frisch angetrauten Ehemann noch in der Hochzeitsnacht, die für beide der Höhepunkt in ihrem bisherigen Leben ist, aber auf Grund der Unerfahrenheit ihrer jungen Liebe scheitert.

Doch der Reihe nach: Nach der Trauungszeremonie finden sich Edward und Florence in einer romantischen Hotel-Suite am Strand des Ärmelkanals wieder, doch beiden ist es nicht möglich auszusprechen, was sie sich längst hätten sagen müssen: Edward, dass ihm die Erfüllung der Liebe in dieser Hochzeitsnacht überaus wichtig ist, und Florence, dass sie sich in Wahrheit vor jeder Form der körperlichen Liebe ekelt. Nach dem Dinner kommt es im Schlafgemach zum unausweichlichen Streit, denn die Erwartungen, die Edward an seine frisch angetraute Liebste stellt, kann Florence nicht erfüllen und ihm die Liebe, nach der er sich sehnt, nicht schenken.

Nach einem heftigen Streit läuft Florence einige Kilometer den Strand entlang. Edward, in seinem Stolz als Mann zutiefst gekränkt, wartet zunächst eine Zeitlang ab, besinnt sich aber dennoch, ihr an den Strand zu folgen. Er macht ihr Vorhaltungen und Vorwürfe, was Florence nach einem heftigen Wortgefecht schließlich dazu bewegt, das - in Edwards Augen - unmögliche und "unmoralische" Angebot zu unterbreiten (wie das Angebot aussieht, kann hier nicht verraten werden, um die Spannung nicht vorweg zu nehmen).

Die ganze Geschichte spielt in der Hochzeitsnacht, doch gibt es immer wieder ausführliche (manchmal für meinen Geschmack vielleicht etwas zu weit ausschweifende) Rückblicke in die Vergangenheit der beiden Protagonisten. Florence, eine ambitionierte Cellistin, kommt aus einem hoch angesehenen Elternhaus (ihre Mutter ist Professorin an einer Universität in Oxford) und Edward, mit einem Magister in Geschichte in der Tasche, ist das Kind einer ganz gewöhnlichen Arbeiter-Familie und seine Mutter seit einem Unfall geistig krank; Edward möchte am liebsten, dass Florence so wenig wie möglich über seine Familie und seine kranke Mutter erfährt...

Ian McEwan's Schreibstil überrascht und erfreut mich jedes Mal aufs Neue! Ihm gelingt es perfekt, seine LeserInnen mit seinen Romanen (so auch mit seinem Werk "Am Strand") in eine atmosphärisch dichte und geladene Spannung zu entführen und die wechselnden Stimmungen dieser Hochzeitsnacht mit seinen Worten so präzise zum Leser zu transportieren, dass es eine reine Freude ist, in die Welt des Autors einzutauchen.

Absolute Kaufempfehlung von fünf Sternen für dieses fantastische Buch!
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am 30. Juli 2012
Für mich spricht die Geschichte eine Art Tabuthema an.
Ich finde die beiden Charaktere außerordentlich subtil ausgearbeitet und authentisch dargestellt. In solche eine Situation zu kommen, ist gar nicht so unwahrscheinlich, zumal sie ja nicht im Jetzt spielt.
Mir hat es sehr viel Spaß gemacht das Buch zu lesen, die Handlung war einfach faszinierend. Die beiden Menschen haben in ihren Augen rational und nach dem bestmöglichen gehandelt und nicht irgendwelche abstrusen Entscheidungen getroffen.
Generell ist das Buch sehr kurzweilig und schnell gelesen. Dennoch schafft man es sofort, sich in die Charaktere hineinzuversetzen (wenn man ähnliche Erfahrungen gemacht hat).
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am 12. September 2007
In seiner wie üblich geschliffenen, wunderschönen Sprache lässt uns Ian McEwan teilhaben am Scheitern einer Hochzeitsnacht in den frühen 60-er Jahren. Sehr elegant schafft McEwan die Kurven aus der Hochzeitssuite zur Vorgeschichte von Florence und Edward, zum Entstehen dieser Beziehung und zur Herkunft der beiden Protagonisten, um dann wieder zur Handlung zurückzukehren. Wunderschön zu lesen.
Erstaunlicherweise nimmt man sogar mit Spannung am Geschehen in der Hochzeitsnacht teil, hoffend, dass doch noch eine Annäherung stattfinden könnte. Das Thema scheint die Kommunikationsunfähigkeit eines Paares zu sein, die durch gesellschaftliche Konventionen, Sachzwänge, Unsicherheit und Angst verursachte Nicht-Wahrhaftigkeit der Figuren, und damit die Unmöglichkeit von wirklicher körperlicher und geistiger Nähe und Offenbarung zu sein. Ein Thema, welches durchaus auch heute sehr aktuell ist, ein Stoff, mit dem es sich zweifellos lohnt, sich auseinanderzusetzen.Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass man in den frühen 60-er Jahren noch dermassen verklemmt und prüde gelebt hat, aber dies nur nebenbei.
Wirklich an den Rand des Abgrunds in Richtung Trivialliteratur manövriert wird der Roman durch die nur angedeutete Geschichte des Missbrauchs von Florence durch ihren Vater. Dadurch ist die Sprachlosigkeit der beiden scheiternden Liebenden plötzlich nicht mehr relevant. Wir wissen ja, warum "es" so ist. Die arme Florence ist missbraucht worden. So einfach, so schrecklich. Wenn aber nun Missbrauch das Thema sein sollte, wäre doch zu erwarten, dass McEwan sich tatsächlich darauf einlässt. Leider keine Spur.
Es keimt der Verdacht, dass der Bestsellerautor ein Auftragswerk zu einem bestimmten Zeitpunkt abzuliefern hatte und das Thema nicht mehr abhandeln konnte, oder dass aus Effekthascherei noch etwas "Missbrauch" hinzugefügt wurde, um vielleicht den "Zeitgeschmack" des 21. Jh. zu treffen und aktuell zu sein. Damit wird die zweifellos vorhandene Schönheit und Qualität des Werkes buchstäblich zunichte gemacht.
Sehr schön zu lesen, Lektüre für einen Abend, mit leider sehr schalem Nachgeschmack.
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am 27. September 2009
"Wunderlichstes Buch der Bücher / Ist das Buch der Liebe; / Aufmerksam hab' ich's gelesen: / Wenig Blätter Freuden, / Ganze Heften Leiden", so dichtete Goethe einst über die unerklärliche und leidvolle Erfahrung der Liebe. Ian McEwan hat diesem unendlichen Buch der Liebe nun ein weiteres Kapitel hinzugefügt: Eine Liebe, die an sich selber scheitert. An ihrem Stolz, an ihrem Trotz, ihrer Uneinsichtigkeit, ihrer Erfahrungslosigkeit und ihrer Blindheit. Das schmale Buch Am Strand ist dabei zugleich so etwas wie ein Museum vergangener Sexualmoral und abgelebter Gesellschaftspsychosen. Es ist komponiert wie ein kleines Meisterwerk; in einer Fünf-Akt-Struktur, die notwendigerweise schließlich in der Katastrophe eines verfehlten Lebens mündet. Dabei fing alles so gut an:
Es ist der Juli 1962, Edward und Florence verbringen den Tag ihrer Hochzeit, den Abend vor der psychisch bis zum Bersten aufgeladenen Hochzeitsnacht in einem kleinen Hotel vor Cecil Beach. Beide sind aufstrebende junge Leute: Florence eine reich beschenkte Violinistin aus dem gehobenen Bürgertum, Edward ein aufstrebender Historiker, Sohn eines Grundschuldirektors. Es ist das Nachkriegs-England, ein Land, das zwar den Krieg gewonnen, aber seine Kolonien verloren hat und mit sich selber hadert zwischen Aufbruch und Vergangenheit. Und es ist schließlich das Jahrzehnt der 60er Jahre, in dem sich alles ändern wird. Von diesem unumkehrbaren gesellschaftlichen Bruch erzählt der Roman. Von dem, was vorher war und dem, was nachher war - und wie sich das eine nicht in das andere übersetzen lässt und beide sich doch so ähnlich sind.
Das was vorher war: Florence und Edward sind ein sympathisches Liebespaar, die alles haben, was man sich wünschen kann: Sie sind jung, talentiert, aufstrebend, schön und vor allem verliebt ineinander. Allerdings wissen sie kaum etwas von sich selbst. Sexualität ist eine terra inkognita für beide, auch wenn Edward als Mann schon klarere Gedanken hierzu hat. Florence ist von diesem dunklen Kontinent, der in ihr schlummert, verängstigt und reagiert mit Abwehr und Flucht. So sehen sich beide in ihrer Hochzeitsnacht einem unlösbaren Problem gegenüber. Wie können sie miteinander handeln, den ganzen gesellschaftlichen Ballast hinter sich lassen, ehrlich zu sich sein, ohne sich selber fremd zu werden. Es ist eine Atmosphäre, die aufgeladen ist von Unsicherheit, Misstrauen, Angst und Verstörung. Das Schlimmste wäre, sich zu blamieren - und natürlich kommt es so: Als Edward vorzeitig ejakuliert und Florence sich ekelt, ist das Scheitern ihrer Ehe besiegelt. Wie lächerlich! Und wie tragisch! Ein Paar, das sich zwar liebt, aber nichts voneinander weiß und nicht miteinander reden kann. Florence verlässt am selben Abend das Hotel. Auf den letzten Seiten bricht die Kulturrevolution der 60er Jahre herein. Alles ist erlaubt und alles wird gelebt. Menschen, die derartig wenig von sich wissen, darf es nun nur nicht mehr geben. Aber ist damit etwas gewonnen? Edward lebt ein Leben mit allen sinnlichen Freuden, aber er erkennt als bereits 60-jähriger Mann, "dass er nie wieder jemanden kennen gelernt hatte, den er so liebte, wie sie". Er hatte es vergeigt: "Sie hatte nur die Gewissheit seiner Liebe gebraucht und die Bestätigung, dass keine Eile geboten war, da das ganze Leben noch vor ihnen lag."

Thomas Reuter
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am 14. Februar 2010
Nach dem eher mäßigen Roman "Saturday" liefert Ian McEwan mit "Am Strand" wieder einen ausgezeichneten Roman ab, der unter die Haut geht. Es st unglaublich, wie ein Autor lediglich eine einzige Hochzeitsnacht und zwei Liebende benötigt, um soviel Lesefreude, Tiefgang und Nachhaltigkeit zu erreichen. Insbesondere für die Leser/Innen, die Einblicke bzw. Kenntnisse über die britische Gesellschaft haben, ist dieser Roman ein besonderes Ereignis.
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