Das schmale Bändchen von Gabriel Kuhn uzm Thema "Straight Edge" wusste mir leider gar nicht zu gefallen.
Als Szenefremder kann ich natürlich nur sehr bedingt etwas dazu sagen, ob da alles stimmt, was Kuhn schreibt. Schrecklich ist aber zumindest, wie er schreibt. Der Text hat den Charme einer umgearbeiteten Magisterarbeit. Da werden brav (wenn auch wiederum recht knapp) Begriffsdefinitionen vorangeschickt, um dann die Entstehung und Entwicklungsphasen von Straight Edge herunterzuleiern. Seitenlange Zitate aus "Manifesten", alles philologisch halbwegs sauber und für jeden normal Interessierten sterbenslangweilig. Ein erzählerischer Duktus, auch nur das kleinste Talent, ein Thema interessant darzustellen - Fehlanzeige.
Etwas merkwürdig weiterhin, dass wir zwar etwas über die Straight Edge-Szene in Südamerika und Ostasien erfahren, das Thema Deutschland (oder deutschsprachiger Raum) wird dagegen nur beim Thema Neonazis angesprochen.
Darüberhinaus wird einem das Thema auch noch durch die zwanghafte Darstellung von Straight Edge als linker politischer Bewegung verleidet. Mal abgesehen von dem geradezu peinlichen "links ist alles was irgendwie gut ist und alles, was irgendwie schlecht ist, ist damit zwangsläufig politisch rechts"-Gehabe (das dem politischen Horizont eines maximal 15jährigen entspricht - und eigentlich sollte man auch in diesem Alter schon ein bißchen besser differenzieren können und die Welt nicht nur in Micky Maus und Kater Karlo aufteilen), dürfte es (in meiner, wie gesagt, Außenseiterkenntnis) einer ja immanent individuellen Angelegenheit wie Straight Edge (denn ich als Person beschließe ja für mich, keinen Alkohol zu trinken, nicht zu rauchen oder kein Fleisch zu essen) schlicht nicht gerecht werden. Dadurch werden dann Mißstände entdeckt (wie dass es sich um eine in den USA hauptsächlich "weiße" oder Mittelklasse-Angelegenheit handelt), die eigentlich keine sind. Nur wenn ich da krampfhaft eine große linke "Bewegung" daraus machen will, die sich dann gleich wieder als potentiell universell geriert, wird's ein Problem. Die individuelle Freiheit, kein Straght Edger zu sein, gesteht uns der Autor nicht zu...
Das wäre alles nicht so schlimm, wenn das Buch nicht auch noch politisch so korrekt geschrieben wäre, dass man manchmal meint, eine Satire in Händen zu halten. Jemand, der ernsthaft das Wort "ArbeiterInnenklassenelement" benutzt, sollte die Schriftstellerei an den Nagel hängen und sich besser mit Töpferei oder irgendeiner anderen nonverbalen Kunst beschäftigen.
Ganz ehrlich - ein enttäuschendes Buch. Wesentlich mehr Inhalt als der Wikipedia-Artikel zum Thema hat's nicht, sprachlich ist es schrecklich und der Unterhaltungswert ist in etwa mit dem eines leeren Schuhkartons vergleichbar.