Der 69 in Cleveland geborene Gelegenheitsjobber James Frey hat nach Drogen- und Alkoholentzug mit seinen beiden angeblich autobiografischen Erstlings-Romanen [1][2] einiges Aufsehen erregt: Gepuscht wurden die Bestseller bis hin zur Oprah Winfreys TV-Show, aber als die Website "The Smoking Gun" veröffentlichte, dass die angeblich autobiografischen Details aus dem angeblich so wilden Leben Freys frei erfunden waren, musste Frey sich öffentlich entschuldigen.
Nach langer Schaffenspause präsentierte Frey dann 2008 den vorliegenden Roman "Bright Shiny Morning", der aus verschiedenen Blickwinkeln heraus eine "Liebeserklärung" an die Metropole Los Angeles konstruiert.
Frey hatte richtig spekuliert: Eine Liebeserklärung an die vielleicht amerikanischste Stadt - das musste bei begeisterten Anhängern des "American Way of Life" natürlich gut ankommen. Da störte es nicht, dass Frey nicht mal zwei Jahre in L.A. gelebt hat, auch nicht, dass wieder zahlreiche Details der angeblich dokumentatorischen Inhalte falsch oder sogar frei erfunden waren. Von der Tatsache, dass gerade die Lebenart dieses Molochs beispielhaft für die Zerstörung des menschlichen Lebensraums steht wie kaum ein anderes Symbol, mal ganz zu schweigen.
Doch die "Los Angeles Times" machte Schluss mit dem Hype und bezeichnete die Kollage, die Zuwanderer-Episoden mit angeblichen Fact-Sheets in einem SPIEGEL-ähnlichen Stil abwechselt, als "abscheulich" und "literarisches Wrack".
Wie so oft liegt die Wahrheit vermutlich eher in der Mitte. Die Stories sind durchaus unterhaltsam, ähnlich, wie man das von Episoden-Filmen kennt - leider entbehren sie der von entsprechenden Drehbuchautoren oft kunstvoll verwobenen Verstrickung. Zudem bleibt alles etwas an der Oberfläche, wirkt spekulativ und vorhersehbar - kein Vergleich mit der Gefühlstiefe und Spannung, die in guter Literatur erreicht wird.
Die eingestreuten, chronologisch geordneten Facts erinnern an den Stil von Thriller-Autoren wie Crichton oder Schätzing, erreichen aber nie deren vorzügliche Ausarbeitung. Die angeblichen "Facts" enthalten Übertreibungen, Recherche-Fehler und - wie bereits erwähnt - frei erfundene Angaben. Vor allem aber sind sie nicht originell genug, um ein 600-Seiten-Buch durch zu faszinieren. Das Ganze erinnert etwas an den Erfolgsfilm "Leben und Sterben in L.A." von William Friedkin, ohne dessen Klasse zu erreichen.
Stilistisch übt sich Frey am Zeitungs-Schreiber-üblichen Analphabetenstil mit teilweise extrem kurzen Sätzen, wie er sie auch wohl bei seinen Drehbuch-Aufträgen für US-Soaps einsetzen muss. [3] Die Beschreibungen und Bilder bleiben oberflächlich.
Womit wir schon bei der Empfehlung wären: Anspruchsvollen Lesern wird die Sehnsucht nach z.B. einem Jonathan Franzen schon nach wenigen Seiten das Herz zerreißen. Aber als typischen Liegestuhl-Zeitvertreibs-Lesestoff für Anhänger von einfachen Gedanken, plakativen Betrachtungen, schlichter Sprache und kurzen Sätzen kann man das Buch durchaus empfehlen - vor allem an einem "Strahlend schönen Morgen".
jury 3* A0785 16.11.2011eg 8A 2F
[1] A Million Little Pieces
[2] My Friend Leonard
[3] Ein Drittel eines typischen Dialogs (S. 308):
Bitte nicht.
Doch, doch.
Nein, bitte nicht.
Tut mir leid.
Schon gut.
Nein, nichts ist gut.
Mach dir keine Sorgen.
So hat sie mich mein ganzes Leben behandelt.
Das glaube ich gern.