Tochter des Papierrindenbaums
Oodgeroo Noonuccal: «Stradbrokes Traumzeit»
Ihr ursprünglicher Name war Kath Walker, geboren 1920, aufgewachsen auf der Insel Stradbroke an der Ostküste Australiens. Sie soll die erste Aborigine gewesen sein, die schrieb und veröffentlichte. Wie es dazu kam, erzählt sie als Gleichnis im ausserordentlich schön gestalteten Geschichtenband «Stradbrokes Traumzeit». Eine Frau sehnt sich nach ihrem alten Stamm, dessen Spuren die Zeit verwischt hat. Sie zieht durchs Land und kommt an längst erloschenen Feuern vorbei. Sie bittet Biami, den Allvater, ihr den Weg zum verlorenen Stamm zu weisen. Biami sagt, sie soll einen Oodgeroo, einen Papierrindenbaum, um dessen Rinde bitten. Dem Baum tut die Frau leid, und er gibt ihr seine Rinde. Sie zieht weiter und sammelt verkohlte Äste aus Feuerstellen vergangener Stämme. Dann lässt sie sich nieder und schreibt, beraten von Biami, mit den Kohlestücken die Geschichte und Geschichten der vergessenen Stämme auf die Rindenstücke. Auf diese Weise findet sie zurück in die alte Traumzeit. Die Oodgeroo adoptieren die Frau, auf dass sie nie ohne Papierrinde sein würde.
Oodgeroo, die den Namen ihres Stammes, der Noonuccal, annahm, begann in den sechziger Jahren zu publizieren. Ihre Bücher fanden, wie die Übersetzerin Maria von der Ahé im Nachwort vermerkt, bei weissen wie eingeborenen Australiern Anklang. Sie setzte sich auch politisch für die Aborigines ein, war Sekretärin des Federal Council for the Advancement of Aborigines and Torres Strait Islanders und beteiligte sich an der Reform des Landrechts, das den Ureinwohnern erlaubte, ihr eigenes Land nach der Art der Weissen zu besitzen. Anlässlich der Zweihundertjahrfeiern der Entdeckung Australiens durch James Cook verlieh die Queen 1970 Oodgeroo Noonuccal einen Orden für ihre Verdienste; 1988 gab sie ihn aus Protest gegen die Aborigines-Politik der Regierung zurück. Noonuccal widmete sich zunehmend der Bewahrung und Verbreitung des aboriginalen Kulturguts. 1972 gründete sie auf Stradbroke das Projekt Moongalba, das eingeborene und weisse Kinder mit der Geschichte, den Mythen und Legenden der Aborigines vertraut machte. Wahrscheinlich kriegten die Kinder dort auch Geschichten zu hören wie die in «Stradbrokes Traumzeit».
Es handelt sich dabei um eine Sammlung traditioneller Legenden und autobiographischer Geschichten. Die Legenden erzählen die Schöpfungsgeschichte, die Entstehung von Gut und Böse, den Ursprung von Pflanzen und Tieren. Die autobiographischen Texte berichten von einer kinderreichen Familie, deren Vater nur sporadisch und schlecht bezahlte Beschäftigung als Strassenarbeiter und Stauer findet. Noonuccals Schilderungen des kargen Lebens sind nicht anklägerisch und negativistisch, sie bringen im Gegenteil die Magie einer intakten Kindheit zum Leuchten. Die Poesie ergibt sich aus alltäglichen Dingen, wenn etwa der Vater und die sieben Kinder, verborgen hinter Sandwällen, die Nautilus-Muscheln beobachten, die nur bei völliger Stille an die Meeresoberfläche kommen und sich mit ihren mauvefarbenen Segeln vom Wind treiben lassen. Der Vater zieht die Kinder im Respekt vor den alten Stammestraditionen auf. Wiederkehrendes Thema ist die Jagd, auf Seekühe, Krebse, Beutelratten, die ausschliesslich der Stillung des Hungers dient. Es gibt auch burleske Geschichten wie jene von der mächtigen Rautenschlange, die in der Wiege neben dem Baby einen Ruheplatz sucht. Oodgeroo Noonuccal verarbeitet auch ihre frühen, unerquicklichen Erfahrungen als Tochter des Papierrindenbaums: Sie war Linkshänderin und schaffte es nicht, schön zu schreiben, was die Schuljahre zu einer Zeit des Leidens machte.
«Stradbrokes Traumzeit» ist auch ein Abgesang auf eine verschwindende Welt. Seit der Tourismus die der Millionenstadt Brisbane vorgelagerte Insel entdeckt hat, breiten sich dort die Segnungen des zivilisierten Lebens aus: Autos, Baufieber, Lärm, Schutthalden. «Jetzt ist alles anders auf der Insel . . . Die Vögel und Tiere verschwinden», schreibt Noonuccal, «Stradbroke stirbt.»
Georg Sütterlin