Alles beginnt damit, dass der gerade in einer absoluten Befindlichkeitsflaute herumdümpelnde Ex-Countrysänger und Privatdetektiv Kinky Friedman in seinem Spiegel den nervtötendsten Zigeuner der Welt erblickt, der auch noch zu reden anfängt und sich beim Erzählen in einer Endlosschleife verheddert.
Was nach einer Hommage an Bob Dylans "I Went to See the Gipsy" klingt, läuft aber bald in eine andere Richtung: Zwei Monate zuvor hatte Willie Nelsons Tourbus in Arizona einen Indianer überfahren, und zwar einen Heiligen Mann der Hopi, wie Kinky bald erfahren soll. Seitdem ist er nicht mehr der alte, und seine Entourage fürchtet, ein alter mythischer Fluch der Indianer habe Willie Nelson, den "Red Headed Stranger", getroffen.
Gleichzeitig treffen Nelson aber auch höchst diesseitige Anschläge -- Drohbriefe; der Anschlag eines Heckenschützen geht knapp daneben; Spuren führen zum New Yorker Mafiachef Joe-die-Hyäne, dem Kinky einmal einen großen Dienst erwiesen hat... Und Willie Nelson selber erzählt seinem alten Kumpel nicht alles, was der wissen muss, und außerdem taucht er zwischenzeitlich unter und sorgt dadurch für ein veritables Chaos.
Kinky muss also wieder mal all seinen Ideenreichtum und seine Beziehungen inner- und außerhalb der Szene spielen lassen, um am Ende die höchst überraschende Lösung des Falles präsentieren zu können -- aber bis dahin passiert einiges, das sich auch für Nicht-Country-Fans amüsant liest. Schließlich hat Kinky bemerkenswerte hilfreiche Freunde, deren ausgesuchte Marotten wilde, absurde Situationen automatisch heraufbeschwören. Außerdem darf der Leser zusammen mit Kinky eine Zeitlang in Willie Nelsons Tourbus, der "Honeysuckle Rose", mitfahren, was ihm detaillierte Einblicke in das Leben on the road beschert.
Als ich Kinky Friedman als Autor, Ich-Erzähler und ermittelndem Protagonisten in Personalunion zum ersten Mal begegnete (in "Lone Star"), war ich sehr angetan von dem herrlich politisch unkorrekten, wortgewaltigen Ermittler, seinen drastischen Vergleichen, den skurrilen Figuren und absurden Situationen, die sich locker von selber ergeben, und dem ganzen Rest. Hier aber, in "Straßenpizza", finde ich Friedmans Masche zwar immer noch amüsant und eines anregenden Nachmittags würdig, aber ich muss auch sagen: Dieser pointierte Stil verträgt es nicht, in jedem neuen Krimi mit nur geringfügig veränderten Vorzeichen wieder herhalten zu müssen. Irgendwann wirkt das nicht mehr witzig, sondern geschwätzig. So gelungen einige hinterfozzige Betrachtungen auch sind (die allerbesten sind leider nicht politisch korrekt genug, um hier zitiert zu werden) -- Friedman überspannt diesmal den Bogen leider mehr als nur einmal. Und wenn ein fähiger, witziger Autor seine Pointen einander immer wieder mal gegenseitig erschlagen lässt, ist das doppelt schade.
Und wie immer ergibt sich durch die Verschränkung von fact und fiction ein Verwirrspiel der besonderen Art, was "Straßenpizza" für naive Leser ungeeignet macht: Bei Friedmans Krimis, in denen höchst real existierende und z.T. höchst prominente Protagonisten ihr Wesen treiben, besteht nämlich immer die Gefahr, dass man die Krimihandlung für bare Münze nimmt. Aber da Friedmans sarkastischer Tonfall allzu naive Leser sowieso abschrecken dürfte, sind Leser, die hier fact und fiction in einen Topf werfen, selber schuld.
Allerdings lässt Friedman immer wieder seinem Talent für witzige Formulierungen zuviel freien Lauf -- neben solchen Volltreffern wie der Bezeichnung eines Stilleben aus leeren Whiskyflaschen als "Skyline der Einsamkeit" steht leider allzu viel bemühte Geschwätzigkeit. Außerdem gibt er in "Straßenpizza" zu oft dem unseligen Drang zum name dropping nach -- klar; ein Krimi, der im Umfeld von Willie Nelsons Entourage spielt, kommt kaum ohne eben diese mit all ihren Schrullen und grellen Anekdoten aus. Das meine ich nicht. Ich meine eher diese Passagen, in denen Friedman allzu hartnäckig zu rufen scheint, "Guckt mal her, wen ich alles Interessantes kenne!": Schön für ihn, dass er sich in den 70ern mal in irgend einem mexikanischen Kaff mit Bob Dylan über den Chef einer spanischen Zigeunersippe ausgetauscht hat -- aber der Zusammenhang mit der Krimihandlung ist doch ein wenig arg krampfhaft an den Haaren herbeigezogen. Und leider ist das nicht das einzige Beispiel für diese Untugend, nur die markanteste (fast hätte ich nicht geschrieben "schön für Friedman", sondern "dem armen Dylan bleibt aber auch nichts erspart").
Andererseits hat Friedman aber auch in jedem Krimi mehr und geistreichere Ideen sowie messerscharfe Formulierungen zu bieten als viele Krimiautor/innen für den vorgeblich gehobenen Anspruch, und sein grandioser Unsympath Kinky Friedman ist mir vermutlich auch im zehnten Abenteuer noch hundertmal lieber als diese penetrant gepflegten, nervtötend einfühlsamen Kommissare mit dem vorbildlichen Familienleben. Ich jedenfalls würd' mir lieber mit Kinky (ob nun mit dem real existierenden oder mit seinem literarischen alter ego) einen Abend um die Ohren schlagen als z.B. mit einem gewissen literarischen venezianischen Langweiler (oder dessen vermutlich noch langweiligeren -- sofern das geht -- Autorin).
Aber nicht nur deswegen fällt mein Urteil am Ende positiv aus. Auch nicht nur deswegen, weil meine Einwände damit zusammenhängen, dass Friedman sich mehr traut als viele seiner Kollegen (und je mehr sich einer traut, desto mehr kann halt auch danebengehen). Und ich finde "Straßenpizza" auch nicht nur deswegen irgendwie klasse, weil die Krimihandlung bei aller Verschrobenheit und trotz ihres prall gefüllten Anekdotenlagers nicht durchhängt, und mich überzeugen auch nicht nur die plastischen Figurencharakterisierungen und die Situationen, die sich aus dem Zusammentreffen ausgeprägter Charaktere nunmal ergeben. Und mein Urteil ist auch nicht nur positiv wegen des kleinen Detektivspiels, das Friedman einschlägig bewanderten Lesern immer wieder ermöglicht, wenn er in Worten und Szenen auf bekannte Rock-, Folk- und Country-Songs anspielt (übrigens, hab ich schon erwähnt, dass der Übersetzer, Ulrich Blumenbach, gute Arbeit geleistet hat?). Und auch nicht nur deswegen, weil der ehemalige Countrymusiker Friedman viel Insiderwissen über das Leben von Musikern on the road in die Handlung einflicht.
Das alles trägt freilich bei zum guten Gesamteindruck, aber vor allem empfehle ich "Straßenpizza" deswegen, weil's einfach ein guter Krimi ist.