Siegfried Kracauer - Die Entdeckung der Woche für mich! Beim Wildern im Denken des Umfeldes der Frankfurter Schule und ihrer Philosophen und Intellektuellen fällt relativ schnell der Name Siegfried Kracauers. Da muss was dran sein, dachte ich mir und griff aus Reflex zu diesem dünnen Buch des Autors.
Eingeteilt in 4 größere Themenfelder:
1.) Straßen
2.) Lokale
3.) Dinge
4.) Leute
widmet sich der Intellektuelle, Philosoph und Sozialwissenschaftler mit Aufsehen erregender Sprache und sehr fantasievoll den größeren und kleineren Gegebenheiten, Menschen, Orten und Dingen in einer Großstadt wie Berlin (und manchmal auch anderswo) der 20er und 30er Jahre. Kracauer ist es aber nicht an einer plumpen Stadtsoziologie in den Zeiten der Weimarer Republik gelegen, sondern mit Hilfe der Beschreibungen wird Gesellschaftskritik betrieben, ohne sich darauf zu beschränken, da genügend Luft für die Poesie und das Dazwischen bleibt.
Es bietet sich naturgemäß an, die Heterogenität und gleichzeitige Einfältigkeit der Urbanität mit kürzeren Essays zu bewältigen. Hängt doch irgendwie in einer Stadt alles zusammen, bildet sie auf ihre Weise eine ganz eigene Totalität, so kann sie doch niemals auf eine harmonische Summe gebracht werden. Die Brüche und Diskontinuitäten des Städtischen, aber gleichzeitig auch eine Art stille Homogenität zeigen sich am besten in kurzen präzisen Beschreibungen, die sich für das Detail öffnen und dabei niemals vergessen an das große Ganze zu erinnern. Trotzdem bleibt der Blick immer nur kaleidoskopisch und geht nie in einer Totale auf.
Die stets eigenwillige Vermittlung zwischen Mikro- und Makrokosmos gelingt Kracauer unglaublich fulminant, kritisch und niemals langweilend. Dabei wird es immer philosophisch und nachdenklich, ganz besonders, wenn die Ungerechtigkeit der kapitalistischen Gesellschaft jener Zeit deutliche Spuren bei den Menschen und in ihrer Lebenswelt an den konkreten Dingen und Praktiken hinterlässt. Der Raum trägt die Ungerechtigkeit und ist auch ihr Ausdruck. Der städtische Raum, ein Raum der Verdichtung des gesellschaftlichen Topos also, in dem jede Gesellschaftsschicht den ihr zugeordneten Ort einnimmt und in ihm verbleiben muss und sich in ihm einrichtet und doch auch wieder der Illusion nachhängt es zu mehr zu bringen, transzendent zu sein und woanders hin zu dürfen.
Kracauer: "Jeder typische Raum wird durch typische gesellschaftliche Verhältnisse zustande gebracht, die sich ohne die störende Dazwischenkunft des Bewußtseins in ihm ausdrücken. ... Die Raumbilder sind die Träume der Gesellschaft." (S.63). Diese Traumbilder sind vielfältig. Da ist die illuminierte Stadt mit ihren Vergnügungstempeln, Tanzlokalen, Passagen, Cafes, Schaufensterläden, Lichtreklamen. Eine bunte Warenwelt und ein wilder Vergnügungsbetrieb, die eine eigentümliche Stadtillusion erzeugen und ganz auf die Angestellten und der von den Produktionsverhältnissen bevorteilten Stadtbürgerschaft zugeschnitten sind. Jedoch scheint für diesen Stadtmenschentypus zu gelten: "Je heller die Lichter, desto trüber das Publikum." (S.16). Eine eigenwillige Nivellierung. Die Tanzenden in den Lokalen erscheinen mithin wie mechanische Marionetten. Selbst in der Vergnügung noch automatisch betriebsam. Andererseits die Vagabundierenden, die Masse, die Arbeiter. Eine Art "Vegetation der kleinen Leute", deren "Humus ... das Pflaster" ist oder die auf dem Arbeitsamt, einem Ort der primitiven Gerechtigkeit, sich zeitvertreibend irgendwelchen Karten- oder Schachspielen hingeben, welche letztendlich nichts weiter als "Spielereien des Unglücks" im kaum zu überwindenden System der geplanten Ungerechtigkeit sind.
Gibt es also eine positive Norm, eine Richtschnur für den qualitativen Gehalt einer Stadt? Sicherlich! Denn: "der Wert der Städte bestimmt sich nach der Zahl der Orte, die in ihnen der Improvisation eingeräumt sind." (S.62
Viel Spaß beim Lesen !