Es gibt Sachen, die lassen sich sehr schwer beschreiben. Dazu gehören auch Devin Townsends Alben, die von absoluter Ruhe bis total durchgedreht alle Spektren abdecken.
Das Devin Townsend Project nähert sich dem Ende mit dem Doppel-Release der Alben Deconstruction und Ghost. Calm And Storm.
Ich hatte Gelegenheit, seit über einen Monat in das Werk hereinzuhören, da ich Zugang zum Promotionstream erhalten habe.
Widmen wir uns dem Sturm, Deconstruction. Angekündigt als extremstes Stück Musik von Devin Townsend, das selbst Strapping Young Lad in den Schatten stellen soll.
Gleich im Voraus: Es stellt in Sachen Extremität, Absurdität und Vielfalt so ziemlich alle bisherigen Alben in den Schatten (abgesehen von SYL - Alien, darauf gehe ich später noch ein).
Die CD stellt an den Hörer folgende Anforderungen:
- Liebe für sowohl Groove als auch Brutalität
- Liebe für Nichtmetallische Parts (insbesondere elektronische Elemente)
- Liebe abgefahrene Songstrukturen
- man muss mit Devins sehr eigenwilligen Humor zurechtkommen
Gerade der letzte Punkt wird vielen die Sache nicht sehr einfach machen. Wer die oben genannte Punkte nicht mit sich vereinbaren ann, macht besser einen großen Bogen um die CD.
Nachdem die Mindestanforderungen erfüllt worden sind, erwartet einen Praise The Lowered, man packt sein Popcorn aus und erwartet Gemetzel und einen aggressiven Devin.
Doof nur, dass der Song erstmal mit fast 3 1/2 Minuten Trip Hop aufwartet und sich dann erst in Aggression steigert. Unerwartet, aber verfehlt auch nicht seine Wirkung.
Es folgt das Midtempo Groovemonster Stand, das auch wieder etwas schleichendes beinhaltet, dazu Growling von Mikael Akerfeldt, gedehnt auf fast zehn Minuten. Auffallend auch der exhorbitante Choreinsatz.
Überraschung, bis jetzt ist das Album erst eher von der drückenden Gewalt heavy und keine Blastorgie, wie man es sich vielleicht erhofft oder befürchtet hatte, das ändert sich aber nun mit, ich nenne es einfach mal so, Phase Zwei.
Juular wartet mit Double Bass und Ihsahns Gastgesängen auf, schleicht sich wieder ein wenig an den ahnungslosen hörer ran um dann zwei mal mit Blasts und simplerem Riffing zu attackieren.
Planet Of The Apes ist eine indirekte Meshuggah Huldigung, sowohl vom textlichen als auch musikalischen. Hier wartet Devin mal wieder mit Überraschungsmomenten auf, wie z.B. sehr poppigen Parts, der ohne Probleme im Radio laufen könnten, wenn man nur Geschmack haben würde.
Sumaria verdunkelt das Bild weiter, düsteres galopp Riffing (erinnert sogar an alte Morbid Angel Richtung "Where The Slime Lives"), Chöre und Orchester lassen den Song stark anwachsen und drückt wieder richtig in die Magengrube. Alles endet mit einem recht sanften Part.
Halbzeit!
Manch einer könnte vielleicht jetzt enttäuscht sein, waren die Songs in Devys Trailer doch meißt recht schnell und mit wahnwitzigen Drumpatterns gespickt. Eines garantier ich euch: Ihr werdet auch in dieser Hälfte noch sehr sehr viele Deatails entdecken, die ihr bei den ersten Hördurchgängen nicht hört. Außerdem gibt es hier schon Parts, die sich nach einer Weile richtig ins Gehör beißen werden.
Nach diesem kurzen Zwischenfazit kommt das richtig große Stück Arbeit. Waren schon die ersten fünf Tracks richtig fordernd, kommt hier die Steigerung von allem.
Verhalten geht es los mit The Mighty Masturbator, mit Devs packendem Gesang und Midtempo. Wer sich schon im Voraus schlau gemacht hat, weiß, dass dieser Song fast 17 Minuten laufen wird. Dementsprechend passiert hier noch einiges. Auffallend ist, dass der etwas ernstere Ton der Platte von nun an einem spaßigem weicht, im Bezug auf die Lyrics. The Mighty Masturbator als Titel hört man auch nciht zum ersten mal, so sollte auch schon die erste Ziltoid Scheibe betitelt werden. Ist das hier sogar eine Art Prequel? Man weiß es nicht, sondern muss sich auf circa drei Stimmungswechsel im Song konzentrieren. Ein Part mit "Spaghetti"-Riffs und ein Industrial Part sind die Widersprüche in dem Song, die ihn aber auch sehr interessant machen, bevor der Akteur am Ende festellt, dass er DER MIGHTY MASTURBATOR ist. Amen!
Der heimliche Hit des Albums folgt mit Pandemic. Dieser Song ist schnell, mit Blasts und Double Basses gespickt. In ca 3 1/2 Minuten dezimiert er einfach alles und jeden, angereichert mit für Devin typischen Leads. Wichtiger faktor ist wieder mal der Kontrast: Floor Jansen leiht ihre opernhafte Stimme zu diesem Riff und Drummassaker, und es passt wunderbar. Man könnte frech sagen: Nightwish auf den härtesten Drogen.
Das Gehirnschleudertrauma geht mit dem Titelsong weiter und treibt es sogar auf die Spitze: Wieder einmal Lyrics und Samples jenseits des guten Geschmacks, dazu abgehacktes und hektisches Drumming, abwechselndmit straighteren Passagen. Viele Soloparts sind ebenfalls markant, wie auch Oderus Urungus geniales Gastspiel. Hier wieder mal auffallend: Devin verwendet parallel zu den streckenweise richtig heftigen Riffs Death Metal Klänge mit einfachen Läufen.
Um das ganze noch verwirrender zu beschreiben: Man denkt nicht nur einmal beim Blick auf das Cover und gleichzeitigem Konsum dieses Songs an zirkus oder Jahrmarkt. Irgendwie. Dev hat es einfach mal wieder geschafft: Absolutes Kopfkino mit genialem Spannungsbogen. Der Song endet mit süßlicher und zugleich packender Stimme, süßlichen Parts, verbunden mit Double Bass Triolen und sonstigen heftigen Elementen.
Poltergeist lässt das Album recht heftig ausklingen und erinnert dabei an neuere Strapping Young lad, ohne als Plagiat dazustehen.
Okay Leute, ganz ehrlich, am Anfang musste ich mir echt überlegen, was ich von der Platte halten soll. Waren die Songs mehr als solide, aber der Humor bei The Mighty Masturbator oder Deconstruction schon zu sehr auf die Spitze getrieben. Das findet man subjektiv gesehen natürlich nur gut, wenn man Sympathisant von Devins Humor ist, andere werden sich hier evtl viel zu schwer dran tun oder nach dem zweiten Toiletten und Durchfallsample abschalten und die Platte verbannen.
Zur Produktion und Abmischung: Erste Sahne, Orchester überdeckt nichts, Gitarren nur überdominant, wenn sie es wirklich sein müssen. Bass ist nur selten einzeln zu vernehmen, er übernimmt nur den unterstützenden Part. Auch wichtig: das zuweilen ziemlich deftige und technisch anspriuchsvolle Drumming kommt klar und natürlich aus den Boxen, es wurden keinerlei Trigger verwendet, was alles andere als selbstverständlich ist.
Meines Erachtens gliedert sich dieses Album hinter Alien von Strapping Young Lad ein, welches aber auch eine ganz andere Grundlage hatte: Emotionen.
Deconstructionen ist ein rieseiger Kirmes mit wenigen emotionalen Elementen. Mehr Unterhaltung, aber dies auf verdammt hohem Niveau.
Es empfiehlt sich hier: intensives Reinhören. Die Platte erschließt sich auf gar keinen fall beim ersten mal Lauschen. Zu meiner sehr großen Überraschung ist die Platte nicht nur sehr deftig, sondern auch extrem Abwechslungsreich.
Für mich stellt sie den Höhepunkt des Devin Townsend Project dar.
Wer höchsten musikalischen Anspruch auf Achterbahn-Niveau haben will und nicht vor Fäkalhumor zurückschreckt, der MUSS diese Platte besitzen. Ein mehr als heißer Kandidat auf die CD des Jahres und vielleicht auch der folgenden und vorherigen zehn jahre. Danke Devin!