Jeder, der mit der Struktur unseres Finanzwesens vertraut ist, weiß um dessen Komplexität. Aber nicht jeder davon weiß, wieviel Schindluder mit eben dieser Komplexität getrieben wird. Frei nach dem Motto: Das versteht der kleine Mann von der Straße sowieso nicht. Der soll nicht lange fragen, sondern einfach nur dafür zahlen.
Genau hier schafft Max Otte Abhilfe. Seine "Streitschrift" mit dem Titel "Stoppt das Euro-Desaster" dürfte so manchem die Augen öffnen.
Im wesentlichen belegt Otte, dass es bei der Rettung des Euro keineswegs um die Rettung Europas oder auch nur der EU geht, sondern einzig um die Rettung privaten Vermögens derjenigen Akteure des internationalen Finanzzirkus, die mit den gravierenden Mängeln des Euro ein Jahrzehnt lang beste Geschäfte gemacht haben. Und die nun lauthals jammern, auf staatliche Hilfen angewiesen zu sein, weil sonst die Weltwirtschaft unweigerlich zusammenbrechen werde.
Wer diese Akteure sind und wie sie von den Schwächen der europäischen Gemeinschaftswährung profitiert haben, legt der Autor ebenso kompetent wie überzeugend dar. Er tut dies zudem in einer Sprache, die für Erika Mustermann und Otto Normalverbraucher gleichermaßen verständlich ist, was ihn von anderen Autoren dieses Themenkreises vorteilhaft unterscheidet.
Gerade durch seine verständliche Sprache vermag der Autor zu zeigen, dass es mit der angesprochenen Komplexität des Finanzwesens gar nicht so weit her ist. Auch Normalbürger können verstehen, dass niemand auf Dauer mehr Geld ausgeben kann, als zur Verfügung steht. Auch ein Staat nicht. So, wie das Haushaltsgeld im eigenen Haushalt eben reichen muss - auch wenn es eigentlich immer viel zu wenig ist -, so muss auch das Geld im staatlichen Haushalt reichen. Auch wenn es ebenfalls zu wenig ist. Ganz gleich, ob es um den Staatshaushalt Griechenlands, Portugals, Deutschlands oder irgend eines anderen Landes geht.
Die Fakten, die Otte dazu aneinanderreiht und überwiegend bestens belegt, haben es in sich. Hier ein Auszug:
- Rechnerisch trägt schon jetzt (!) jeder Bundesbürger 2500 Euro zum Finanzmarktstabilisierungsfonds, also zur "Rettung des Euro" bei; wer selbst arbeitet, muss den entsprechenden Anteil nichtarbeitender Mitbürger zusätzlich übernehmen.
- Ein Land, das so hoffnungslos überschuldet ist wie etwa Griechenland, wird Hilfszahlungen niemals zurückerstatten können, ganz gleich, ob sie als Darlehen, als Bürgschaft oder von vornherein als verlorener Zuschuss deklariert werden.
- Was beispielsweise als Hilfe für Griechenland etikettiert wird, bekommt der Normalgrieche nie zu Gesicht; es fließt an diejenigen, die unverantwortlich hohe Kredite an das wirtschaftsschwache Griechenland gegeben und dafür jahrelang ordentlich Zinsen kassiert haben, darauf spekulierend, die EU werde das Land am Ende schon freikaufen.
- Länder wie Griechenland, Irland, Portugal oder Italien hätten unter den gegebenen Umständen erst gar nicht in die Eurozone aufgenommen werden dürfen.
- Die beträchtlichen Gewinne aus Finanzgeschäften mit diesen Hochrisikoländern gelten "selbstverständlich" als Privatsache, die nun anstehenden Verluste aus denselben Geschäften jedoch hat die Allgemeinheit zu tragen.
- Geld, das gerade von angesehenen Bankhäusern massenhaft in dubiose Spekulationsgeschäfte gesteckt wurde, fehlte gleichzeitig in der Realwirtschaft, also dort, wo arbeitende Menschen wirkliche Werte zu schaffen versuchten.
- Die bereits beschlossenen Hilfen an Griechenland und andere stellen einen klaren Bruch des geltenden EU-Vertrages dar, der ein "Freikaufen" einzelner Mitgliedsstaaten aus guten Gründen ausdrücklich untersagt.
- Die personellen Verflechtungen zwischen Finanzbranche und Politik sind immens und in der Öffentlichkeit dennoch weitgehend unbekannt; hier nennt der Autor mehrfach Ross und Reiter, nicht ohne auch gleich die politischen Folgen solcher Verflechtungen anschaulich vor Augen zu führen.
Dass es sich dabei weder um Stammtischparolen noch um das marktschreierische Geplärre eines notorischen Schwarzmalers handelt, wird jeder angemessen informierte Beobachter bestätigen können. Vorausgesetzt er ist sowohl sachkundig als auch unabhängig. Otte legt dar, dass viele Beteiligte der Finanzmaschinerie zumindest eines von beiden nicht sind. Wenn nicht sogar beides.
Wer das Buch gelesen hat, wird sich mehr denn je nicht nur für unser Land eine wirkliche Regierung wünschen, eine, deren Mitglieder ihrem Amtseid gerecht werden. Weil darin unter anderem die Rede davon ist, Schaden vom eigenen Volk zu wenden und seinen Nutzen zu mehren. Ob dem durch endloses Überweisen von Steuermilliarden an unkontrollierbare Schuldenstaaten Genüge getan werden kann, möge jeder Leser für sich entscheiden.
Angesichts der überragenden Bedeutung des Themas hätte ich die Klarheit der Ausführungen des Autors zu gerne mit fünf Sternen belohnt. Da ich hier jedoch nur eine Gesamtnote für alle Aspekte des Buches abgeben kann, muss ich auch andere Gesichtspunkte in die Wertung einfließen lassen. Hier sind es vor allem deren drei, die zur Abwertung führen - allesamt solche, die wohl eher der Verlag zu verantworten hat. Erstens meine ich bei einem so schmalen Büchlein, das in fünfstelliger Auflage auf den Markt kommt, etwas weniger handwerkliche, hier vorwiegend grammatikalische Fehler erwarten zu dürfen; zweitens befasst sich der Text zu großen Teilen weniger mit dem Euro und eher mit der Struktur unseres Finanzwesens, so dass der reißerische Titel einer Themaverfehlung nahe kommt; drittens schließlich sind vier Euro (exakt: ¤ 3,99) ein stolzer Preis für gerade mal 35 Seiten reinen Text (ohne technische Seiten), wie inhaltsschwer derselbe auch immer sein mag.
Somit ergeben sich unterm Strich nur knappe vier Sterne, was ich angesichts der verdienstvollen Leistung des Autors durchaus bedauerlich finde. Immerhin kann ich "Stoppt das Euro-Desaster" dennoch jedem empfehlen, der sich in aller Kürze und trotzdem fundiert über die bedrohliche Krise unseres Finanzsystems und das verstörende Versagen führender Politiker informieren will. Nach der Lektüre dieses kleinen Buches wird er jedenfalls zu diesem Thema weit über Stammtischniveau mitreden können.