Wie soll man diesen Film bloß unvoreingenommen beurteilen, wenn man die geniale BBC-Verfilmung mit Colin Firth und Jennifer Ehle von 1995 kennt? Diese Miniserie hat Maßstäbe gesetzt und kann kaum übertroffen werden und schon gar nicht von einem kompakten Kinofilm.
Umso mehr habe ich gestaunt, dass diese Verfilmung mit großer Kreativität eine absolut amüsante Interpretation von Austens "Pride and Prejudice" geschaffen hat. Und es grenzt schon an ein Wunder, wie Regisseur Joe Wright und Drehbuchautorin Deborah Moggach es geschafft haben, so viel Substanz aus Austens Novelle zu erhalten und in gerade mal 2 Stunden Film unterzubringen. Dafür ein ganz großes Lob!
Zwar sind einige Charaktere weggefallen und Handlungen sind drastisch gestrafft, beinahe im Zeitraffer brechen die wichtigen Ereignisse der Geschichte über die Helden herein. Und gelegentlich vermisste ich diese und jene Szene, die ich in P&P von BBC so lieb gewonnen hatte.
Aber dennoch hat auch dieser Film viel Charme und Witz und Romantik! Das liegt natürlich vor Allem an der uralten aber immer noch romantischen Buchvorlage. Eine Geschichte, die inzwischen hoffentlich jede(r) kennt: Der arrogante Mr. Darcy verliebt sich in Elizabeth Bennet eine geistreiche junge Dame, die er sich aber wegen ihres niedrigen Standes selbst versagt. Vergeblich kämpft er gegen seine Gefühle und macht ihr schließlich einen Heiratsantrag. Als Elizabeth ablehnt weil sie eine vorurteilsbeladene, schlechte Meinung von Darcy hat, fällt der aus allen Wolken...
Die andere Hälfte ihres großen Erfolgs verdankt diese britisch-französische Produktion (wohlgemerkt, es ist kein Hollywoodfilm!) jedoch dem Können von Regisseur, Kameramann und Darstellern, die fast durchweg hervorragend sind.
Allen voran ist Donald Sutherland zu nennen als der beste Mr. Bennet ever! Dann Judy Dench. Sie kann als Lady de Bourgh leicht mit Barbara Leigh-Hunt aus der 95er Verfilmung mithalten. Auch Rosamund Pike gibt eine herzallerliebste Jane und Tom Hollander(inzwischen in Fluch der Karibik 2 und 3 zu bewundern) einen perfekt-kleingeistigen Mr. Collins. Andere Figuren - besonders eine viel zu warmherzige Mrs. Bennet (Brenda Blethyn) und ein reichlich debiler Mr. Bingley (Simon Woods) sind in meinen Augen ein Fauxpas, aber dennoch nicht ohne einen irritierenden Reiz.
Einzig Keira Knightley halte ich als Lizzy für eine totale Fehlbesetzung.
Denn Keira Knightley spielt leider eine halbwüchsige und unreife Lizzy, die kaum etwas mit Jane Austens Elizabeth gemein hat. Ja, es stimmt: Auch der "neue" Darcy ist scheinbar nicht buchgetreu. Viele (Colin Firth) Fans kritisieren, dass Matthew MacFadyen keinen arroganten Darcy gibt, sondern einen spröden, schüchternen, ja fast schon bedauernswert unsicheren Knaben mimt. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass in Jane Austens Novellen die männlichen Helden immer etwas nebulös bleiben und manchmal wenig greifbare Geschöpfe sind (Miss Austen kannte sie nämlich nicht besser, die Männer). Dem gegenüber beleuchtet sie die Gedanken und Verhaltensweisen ihrer weiblichen Helden stets sehr präzise. Und so weiß man wie Lizzy gedacht und gefühlt hat und wie sie sich verhielt. Und Jane Austen hat mit ihrer Elizabeth Bennet definitiv keinen in braune Fetzen gekleideten, albern herum kichernden und vorlauten Teenager schaffen wollen.
Austens Elizabeth ist eine schlagfertige, erwachsene und kluge Frau, die stets auf Etikette und gutes Benehmen achtet und die niemals die gesellschaftlichen Normen überschreitet - wie etwa unter einem Tisch sitzend anderer Leute Gespräche belauscht.
Das sei gewollt, sagen Kritiker, und dem Regisseur Joe Wright sei in der Besetzung der Elizabeth Bennet durch die klapperdürre, jungdynamische Piratenbraut Keira Knightley ein überzeugender Brückenschlag gelungen, nämlich zwischen der heutigen ungezwungenen Mädchengeneration und den damaligen gehemmten jungen Frauen. Wohlmeinende Kritiker behaupten Wright habe mit dieser Besetzung eine extrem moderne Lizzy geschaffen. Und das stimmt! Aber mir gefällt sie trotzdem nicht diese moderne Lizzy mit Unterbiss.
So, erst mal Luft holen und noch mal zur Klarstellung:
Ich finde es durchaus interessant wenn ein Regisseur sich künstlerische Freiheit erlaubt und bei der Verfilmung eines Buch vom Wortlaut abweicht oder seine Figuren ein wenig ummodelt - immer vorausgesetzt es kommt etwas Gutes dabei heraus.
Dass Longborn wie ein Schweinstall aussieht, regt zwar manche Austenpuristen auf, aber ich halte es für eine witzige und geistreiche Idee. Dass Keira Knightley angeblich absichtlich hässlich gemacht wurde ("uglying up Keira Knightley" titelte eine englische Zeitung seinerzeit) nun, das halte ich wiederum für ein Gerücht ;-). Im Übrigen hat sie in dem Film durchaus ihre "schönen Momente". Dass sie mit ihrem mageren und schlampigen Aussehen ganz und gar nicht dem damals üblichen Frauenidealbild entspricht (und das obwohl Austens Elizabeth als lokale Schönheit galt), das muss ich Kennern gegenüber eigentlich nicht extra erwähnen.
Jetzt zum Fast-Schluss noch ein paar Lobreden auf die begnadete Kameraführung, die wirklich einen Oskar verdient hätte. Roman Osin heißt der Kameramann und der ist in meinen Augen ein Meister seines Fachs. Manchmal aufdringlich und hektisch, manchmal idyllisch und pastoral, bietet uns die Kamera atemberaubende Bildkompositionen, wahre Orgien für die Augen. Allen voran die traumschöne Schaukelszene mit wunderschöner Musik untermalt und das Tête-à-tête des Traumpaares im Morgennebel, draußen auf der Heide mit einem so romantischen Szenenbild, dass es den Zuschauerinnen schlicht den Atem raubt.
Kurz und bündig:
Der Film ist witzig, geistreich und voller Romantik und auch (oder gerade) für Austen-Fans eine Pflichtübung. Aber auch allen, die es nicht so mit pompösen Literaturverfilmungen und Liebesgeschichten halten, die sich einfach nur köstlich amüsieren und unterhalten lassen wollen, kann ich diesen Film nur ans Herz legen. Und all jenen, die eben nicht das Sitzfleisch und die Geduld für 5 Stunden BBC-Romantik haben, denen konnte gar nichts Besseres passieren als der neue "Stolz und Vorurteil".
DVD:
Vor der Anschaffung dieses DVD-Buch-Kombi-Paktes empfiehlt es sich zu rechnen, ob eine getrennte Anschaffung von Buch und DVD nicht günstiger ist, denn inhaltlich unterscheidet sich der Film nicht von den anderen DVD Ausgaben.
Und noch ein kleine Info am Rande: Die deutsche DVD enthält eine Extra Schluss-Szene, die in der amerikanischen Kinofassung gezeigt wurde, den Europäern und dem Rest der Welt aber zum Glück erspart blieb. Das Traumpaar nach der Hochzeit befindet sich nun in Pemberly und wirft die verträumten Blicke, sich vorsichtig liebkosend über den weitläufigen Besitz. Diese Szene ist so was von peinlich und überflüssig, dass man sie eigentlich unbedingt gesehen haben muss ;-).