Ein einfallsreicher Aufstand gegen den christlichen Gott in seiner biblischen Originalversion, das ist Stollbergs Inferno.
Der Haupt-Handlungsstrang mag dabei "trivial" sein, wobei man einen solchen kaum im durchschnittlichen Heimatroman erblicken wird: In der schlimmsten Vorhölle treffen atheistische Philosophen aufeinander und zetteln eine Revolution gegen Gott an, der die Seelen der Un- und Halbgläubigen foltert. In den Himmel, wie ihn sich die Bibel vorstellt, kommt nämlich so gut wie niemand, weshalb fast die ganze Menschheit letztlich in der Hölle landet.
Es kommen viele Philosophen als Charaktere in diesem Buch vor. Um sie "lebendig zu machen" sind 240 Seiten vielleicht nicht genug, aber ihre Ansichten werden durchaus korrekt wiedergegeben. Es ist gar nicht nötig, etwa Nietzsche oder Albert Camus ungläubige Ansichten in den Mund zu legen, denn sie waren nun einmal Atheisten. Es gab nicht viele große Denker, die tief religiös waren. Warum wohl? Mit den Quellen wird also korrekt umgegangen, mit Nietzsche ist sogar ein besonders amüsanter Charakter gelungen.
Ob man etwas mit der Handlung anfangen kann, in der sich Atheisten durch die Hölle bis hoch zu Gott durchkämpfen, das ist immer subjektiv. Mir hat diese Idee gut gefallen, denn sie ist wenigstens ehrlich und nicht halb-aufgeklärt oder halbreligiös. Im Detail jedenfalls ist das Buch anspruchsvoll und stilistisch leicht zu genießen.
Klar, kaum jemand in unserem Kulturkreis glaubt heutzutage noch an die Hölle und an den biblischen Gott. Umso geeigneter ist Stollbergs Inferno, um eine wichtige Frage aufzuwerfen: Ist es überhaupt sinnvoll, sich noch als Christ zu bezeichnen, wenn man all diese Dinge nicht glaubt?