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Der Journalist Peter Köpf hat das Privatleben und die politische Karriere des bayerischen Ministerpräsidenten, CSU-Vorsitzenden und möglichen Kanzlerkandidaten der Union, Edmund Stoiber, einmal näher unter die Lupe genommen und dabei einige bemerkenswerte Erkenntnisse zutage gefördert.
Nach einem erhellenden Ausflug in die Jugendjahre des Ministerpräsidenten konzentriert sich Köpf auf den eigentlichen Kern der Stoiberschen Psyche: sein fast "erotisches Verhältnis zu Politik und Macht". 1978 ernannte Franz Josef Strauß den damals 37-jährigen Landtagsabgeordneten zum CSU-Generalsekretär. Ab 1982 mimte Stoiber als Chef der Münchener Staatskanzlei erfolgreich den Strauß'schen Kettenhund. Da Strauß die Landespolitik langweilte, war es Stoiber, der bald als "Graue Eminenz" die Fäden zog. Hier sammelte er das Wissen, die Erfahrung und die Kontakte die erforderlich waren, um später selbst das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen zu können. Nach einem kurzen Intermezzo als Bayerischer Innenminister, war es 1993 endlich so weit. Stoiber stürzte nach einem erbitterten Machtkampf den durch die Amigo-Affäre geschwächten Ministerpräsidenten Max Streibl. Sechs Jahre später konnte er schließlich auch den glücklosen Theo Weigel vom CSU-Parteivorsitz verdrängen, und er hat zweifellos den Ehrgeiz, noch höher zu steigen.
In Köpfs präziser Beschreibung des Politik- und Regierungsstils Stoibers offenbart sich dessen widersprüchliche Persönlichkeit. Es entsteht das Bild eines "Aktenfressers", begabten Administrators und leidenschaftlichen Politikers, der sich letztendlich selbst im Wege steht. "Stoibers außerordentlicher Fleiß war die Basis für seinen Aufstieg, aber die trockene, rechthaberische Aktenstudiererei ist auch sein größtes Hindernis", erkennt Köpf. Sollte er stolpern, sei ihm die Schadenfreude seiner Partei sicher. Schließlich freut sich jeder, wenn der Streber eine Sechs schreibt. --Stephan Fingerle
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Zürcher Zeitung
Ein unermüdlicher, ehrgeiziger Machtmensch
Edmund Stoibers Aufstieg im Schatten von Strauss
spl. Kurz vor seinem 60. Geburtstag ist die erste Biographie über den bayrischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber erschienen. Wer darin Unbekanntes oder gar Enthüllendes zu lesen hofft, wird enttäuscht. Stoiber wird als akribischer Arbeiter mit ausgeprägtem Machtinstinkt, als Aktenmensch und brillanter Volkstribun dargestellt und dies ist für Kenner der bayrischen Politik wahrlich nichts Neues. Dennoch ist die kritische Biographie interessant, denn der Politikwissenschafter und Journalist Peter Köpf hat sehr gründlich recherchiert und viele Gespräche mit Jugendfreunden, Parteikollegen und politischen Gegnern geführt. Dabei ist ein detailreiches Gesamtbild des Staatsmannes Stoiber entstanden: das Bild eines ausserordentlich ehrgeizigen und fleissigen, aber auch rücksichtslosen Politikers, der auf seinem Weg vom Landtagsabgeordneten zum Ministerpräsidenten seine Widersacher geschickt ausgebootet und für die CSU immer wieder auch Stimmen am äussersten rechten Rand geworben hat.
Stets verfügbarer Kammerdiener
Das spannendste Kapitel ist sicherlich die Darstellung von Stoibers Verhältnis zu Franz Josef Strauss. Stoiber suchte schon früh die Nähe des wortgewaltigen Bayern. Er identifizierte sich 150-prozentig mit Strauss und liess verlauten: «Franz Josef Strauss ist mein Programm.» Als Generalsekretär der CSU, als bayrischer Staatssekretär und Minister diente er ihm unterwürfig und schaffte es so, sich unentbehrlich zu machen. Der eine vertraute blind, der andere diente ergeben. Von Anfang an hatte Stoiber das Ziel vor Augen, Strauss zu beerben, wenn die Zeit reif war. Die Nähe zu diesem war für ihn ein Segen, weil er durch sie nach ganz oben kam. Gleichzeitig macht Köpf deutlich, dass das Verhältnis für Stoiber auch demütigend war. Denn während Strauss im Kreise seiner «Amigos» das Leben genoss, verrichtete Stoiber die Arbeit. Er wurde zur grauen Eminenz im Kabinett, schuftete unermüdlich und war immer verfügbar.
Stoiber wurde von seinem Mentor zwar als Arbeiter geschätzt, menschlich aber hatten die beiden wenig gemeinsam. Im Freundeskreis von Franz Josef sass Edmund immer in der zweiten Reihe. Im Gegensatz zum gemütlich-geselligen Strauss war Stoiber nie ein archetypischer Bayer, der das Leben in vollen Zügen geniessen konnte. Wenn er zu den Feiern und Gelagen seines Chefs dazustiess, ging es um geschäftliche Dinge, und er wurde als Störefried empfunden. Der Tod von Strauss 1988 kam für Stoiber zu früh. Doch als Strauss' Nachfolger Max Streibl 1993 wegen einer Affäre zurücktreten musste, stand er bereit. Die gute Ausgangsposition für den Posten des Ministerpräsidenten hatte er sich unter Strauss geschaffen, dessen war sich Stoiber bewusst. Am Tag seines Amtsantritts legte er an Strauss' Grab einen Kranz nieder und betonte, er wolle die Politik seines Vorbildes fortsetzen.
In Köpfs Biographie werden neben der politischen Laufbahn erstmals auch die Kinder- und Jugendjahre des 1941 in Oberaudorf geborenen Politikers beleuchtet. Ein Musterknabe war der kleine Edmund nicht. Weder in der Grundschule noch im Gymnasium galt er als besonders guter Schüler. Er schien auch noch keineswegs vom späteren Ehrgeiz gepackt. Baden, Skifahren und Fussballspielen waren ihm wichtiger als Schulnoten. Er war ausserdem ein begeisterter Kartenspieler, konnte rülpsen wie kein anderer und soll als blonder, blauäugiger Jüngling bei den Sommerfrischlerinnen aus dem Norden sehr gut angekommen sein. 1958 kam er auf den «rechten» Weg: Er trat der Jungen Union bei und später als Jurastudent dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten. Mitglied der CSU wurde er 1971.
Mehr gefürchtet als geliebt
Viel wirklich Privates bringt Köpf aber nicht ans Tageslicht, ausser der grossen Liebe des Politikers zum Fussball, die allerdings kein Geheimnis ist. Bis heute fährt Stoiber lieber zu einem Fussballspiel des FC Bayern München als nach Bayreuth oder Salzburg an ein Konzert. Den Menschen Stoiber hinter dem kühlen Ministerpräsidenten bringt die Biographie nicht zum Vorschein. Ob man daraus allerdings schliessen kann, dass er kein Privatleben kennt, wie Köpf behauptet, ist fraglich. Der Journalist erklärt die fehlenden Informationen über den Privatmann Stoiber damit, dass kaum jemand aus seiner Umgebung bereit sei, sich unautorisiert über ihn zu äussern und so vielleicht seinen Unmut auf sich zu ziehen.
Stoiber hat nach Ansicht Köpfs mit dem Amigo-System von Strauss gebrochen und ein neues Machtsystem aufgebaut. Die Leute haben Angst vor ihm, er ist in seiner Umgebung mehr gefürchtet als geliebt. Kurz nach seiner Machtübernahme hatte er mit verschiedenen Krisen, Skandalen und Affären zu kämpfen. Doch Stoiber hat sie alle überstanden, laut Köpf in erster Linie deshalb, weil es ihm immer wieder gelang, intuitiv Meinungen der Bürger aufzunehmen. Stoiber spricht die Sprache des Volkes und wird dabei oft zum Populisten. Auch das Volk liebt ihn aber nicht, es respektiert ihn. Stoiber ist laut Köpf dementsprechend ein sehr einsamer Mensch. Weil er genau weiss, dass alle nur auf einen Fehler des Klassenprimus warten und jeder Misstritt auch in den eigenen Reihen Schadenfreude auslöst, vertraut er niemandem und schaut oft schmallippig und verbissen in die Welt.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.