Darf man als Nicht-Bayer einen Bergbauern-Roman rezensieren? Als Salzburger, dem nur 15 Kilometer und eine Lederhose zum echten Bayern fehlen - und mit einem Opa, der diesen harten Beruf einmal ausgeübt hatte, traue ich mir das jetzt einfach Mal zu.
Dieter Weißbach ist ein sprachgewaltiges und wortgewitztes Debüt gelungen! Die Charaktere - allen voran Alfons Stockinger, der eigentlich nicht mehr vom Leben einfordert, als Bergbauer zu sein -, sind mit ihren verschiedenen Wünschen, Ängsten, Gemeinheiten und nicht zu knapp bemessenen Geilheiten und Schweinereien sehr treffend beschrieben.
Alfons Stockinger - dessen Großvater Adolf seinem Namensvetter im Krieg alle Ehre machte, erinnert sich nach einem Schlaganfall an sein nicht immer glückliches Leben: Da war im Alter von 14 Jahren der erste Schicksalsschlag mit seiner Mutter, die ihn mehr liebte, als ihm lieb war; sein Vater Jakob, den es in die Ferne zog und der seinen Sohn - immer noch ein halbes Kind - nach dem Tod der Mutter einfach alleine am Hof zurückließ. Später kam eine ehrgeizige Frau Gemahlin hinzu, deren erster Broterwerb es war, mit den Ami-Besatzern zu schlafen und die nun mit dem Bau eines Hotels für Flachländer direkt neben seinem Hof die Stockinger-Idylle zerstörte; und Gespielinnen, mit denen er sich auf der Alm die Zeit vertrieb. Und dann ist da noch die an den Hof angrenzende Klamm, die so manche Charaktere einfach verschluckt, dass selbst Krimi-Freunde ihre Freude daran haben werden ...
Die Erzählsprache ist gespickt mit bayrischem Dialekt, der wohl aber auch für LeserInnen nördlich des Weißwurst-Äquators noch zu verstehen ist, und der einem beinahe glauben lässt, man würde dort oben in der frischen Luft mit dem Alfons höchstpersönlich eine halbe Bier trinken und dabei aufs Tal hinunterschauen. Auch die im Roman gezogenen Vergleiche und die gekonnten Satzspielereien ließen mich des Öfteren Schmunzeln.
Hier auf Amazon geht nur 5 Sterne - aber lieber würde ich den Roman für die Shortlist eines bayrischen Literaturpreises empfehlen, sofern ich die Möglichkeit hätte und es diesen Preis überhaupt gibt. Ein »muas I hobm« für Kenner dieses Genres und sehr empfehlenswert auch für Leserinnen und Leser von experimentieller und etwas gewagterer Literatur.