Aus der Amazon.de-Redaktion
Natürlich, all die Tanten, Nachbarinnen und wohlmeinenden Bekannten werden triumphieren: Nicht alles, was Volksmund und Lebenserfahrung an klugen Ratschlägen zu bieten hat, lässt sich so ohne weiteres durch wissenschaftliche Überprüfung widerlegen. Dass ein Silberlöffel im Flaschenhals den Sekt auch nach dem Entkorken für längere Zeit perlend-frisch erhalte -- diesen ebenso gerne erteilten wie befolgten Rat hatte Christoph Drösser im zweiten
Stimmt's?-Band klar ins Reich der Ammenmärchen verwiesen. Um nun freilich einräumen zu müssen, dass doch was dran sein könnte am prickelnden Flirt zwischen
Mumm und Metall. Wie das Ganze funktioniert, dass nämlich der Löffel als Wärmeleiter den Kohlensäuregehalt des Getränks und so weiter, braucht hier nicht wirklich erörtert zu werden. Entscheidend ist vielmehr: Die Bände
Stimmt's? Moderne Legenden im Test und
Stimmt's? Noch mehr moderne Legenden im Test liegen nun in einer einmaligen Doppel-Sonderausgabe vor -- und wieder gibt es allerlei zu staunen und zu diskutieren.
Kann man tatsächlich getrost ein Pils hinunterstürzen, um dann auf Rotwein umzusteigen, während die umgekehrte Reihenfolge unausweichlich zur Übelkeit führt? Hilft ein beherzter Klaps auf den Boden des Konservenglases tatsächlich, den vakuumfixierten Deckel zu lüften? Und führt ein genüssliches Cocktail-Saugen durch den Strohhalm wirklich dazu, dass sich der Rausch schneller einstellt als ohne Trinkhilfe? Das ist allemal gut zu wissen.
Doch nicht nur Heim und Herd werfen Fragen über Fragen auf. Was ist dran an der Mär vom kollektiven Selbstmord der Lemminge? Stimmt es, dass faules Holz im Dunkeln leuchtet? Soll man Glühbirnen aus Gründen des Stromverbrauchs brennen lassen? Und nicht zuletzt die vor allem in Frauenkreisen immer wieder heiß diskutierte Fragen, ob das Rasieren den Haarwuchs nicht erst im wahrsten Sinne des Wortes richtig anstachele. Ergeben Kirschen plus Wasser Bauchschmerzen, ist die Buche bei Gewitter tatsächlich Retter in der Not, was hat es mit dem Schlaf vor Mitternacht auf sich?
Dieser Drösser gehört einfach in jeden Haushalt. Und sei es nur als Anregung, um in Hobbykeller und Selbstversuch das Gegenteil zu beweisen. --Anneke Hudalla
Neue Zürcher Zeitung
Der Sturm auf das Wissen
Das Sachbuch als Retter in der Bildungsnot
Nicht erst seit der PISA-Studie macht man sich im deutschsprachigen Raum Sorgen um das Wissen der heranwachsenden Generationen. Die Verlage haben prompt reagiert. Von der Geschichte Europas über die Grundlagen der Physik bis hin zu den modernen Biowissenschaften lässt sich heute alles in seriösen, leicht verständlich und knapp erzählten Kinder- und Jugendsachbüchern nachlesen. Ein Angebot auch für Erwachsene. «Unwissen macht unfrei, intolerant und arm. Wir brauchen Brot und Bildung, um ins 21. Jahrtausend zu gelangen. Und wir brauchen Generalisten, die Überblick und Urteilsfähigkeit haben.» So begründete der Verlag Rowohlt Berlin vor einigen Jahren seinen Entscheid, mit der Reihe «Bücher für die nächste Generation» als Zielgruppe auch ein jüngeres Publikum anzupeilen. Etwa gleichzeitig hatten andere Verlage eine ähnliche Offensive auf den Jugend-Sachbuchmarkt gestartet, Hanser etwa, im Rahmen seines schon bestehenden Kinder- und Jugendbuch-Programms, oder der wirtschaftslastige Sachbuchverlag Campus. Wie erklär' ich's meinem Kinde? Da die Mehrheit der Lehrer- und Elternschaft bei dieser Frage generell überfordert zu sein scheint, sollen nun speziell dafür geeignete Autorinnen und Autoren diese Aufgabe übernehmen. Etwas positiver bitte! «Papa, was ist ein Fremder?» Die diesbezüglichen Kinderfragen seiner Tochter hat der in Paris ansässige marokkanische Autor Tahar Ben Jelloun in Buchform beantwortet (vgl. NZZ 24. 3. 99). Und schon bei diesem Thema hat sich gezeigt, wo die Stärken und Schwächen der Idee einer einfachen, gut verständlichen Erklärung komplizierter Zusammenhänge liegen: Die Autorinnen und Autoren kommen nicht darum herum, Grundfragen der Menschheit zu beantworten und damit klar politisch Stellung zu beziehen. Dabei werden aufgeklärte Geister sich beim Thema Rassismus wohl relativ rasch einig sein. Ganz anders ist es, wenn es um die Geschichte eines vereinten Europa geht, um Gentechnologie und Zukunftsvisionen. Bei diesen Themen kann man das verzweifelte Ringen der Autoren um Objektivität an der Lebensrealität scheitern sehen. Mit anderen Worten: Wenn die logischen Folgen des menschlichen Handelns Genmanipulation, Wachstum auf Kosten der Natur usw. die Zukunft allzu düster erscheinen lassen, wird schnell wieder Optimismus verbreitet. So etwa kommt der Deutsche Gerhard Staguhn, nachdem er «Die Suche nach dem Bauplan des Lebens» auf durchaus spannende und unterhaltsame Weise vom ersten kernlosen Einzeller bis zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms erzählt und erläutert hat, zu dem Fazit: «Die neuen Technologien zeigen unverhohlen, dass sie den Menschen in ein Übergangswesen zu verwandeln suchen. (. . .) Und dieses Menschenbild sagt uns immer deutlicher: Jeder Einzelne ist austauschbar, ersetzbar, beliebig vervielfältigbar. (. . .) Doch was am bedrückendsten ist: Kaum einer fragt mehr, wozu das gut sein soll.» So kann doch kein Buch für Jugendliche enden! Deshalb heisst es einige Zeilen später: «Aber ich denke, wir sollten uns keine grossen Sorgen machen.» Und dann wechselt der Autor rasch ins religiöse Fach, zur Unfassbarkeit der Schöpfung und zum Sinn des Lebens. Ähnlich verfährt auch der Norweger Eirik Newth in seinem Buch «Abenteuer Zukunft. Projekte und Visionen für das nächste Jahrtausend»: Es könne sein, schreibt er, dass das Sonnensystem im Jahr 3000 von einer Unzahl intelligenter Lebewesen künstliches Leben, Roboter, kybernetische Organismen bewohnt sein werde. Und dann sei es ganz ohne Zweifel um die natürlichen Menschen mit geringer Intelligenz und labiler Gesundheit schlecht bestellt. «Ich hoffe, dass uns die Angst vor unserem möglichen Aussterben dazu bringen wird, die Entwicklung vorher zu stoppen», sagt Newth und unterstreicht diese Hoffnung am Ende mit einem Bibelzitat. Wie euphorisch ist da im Vergleich Christine Ockrents «Geschichte der europäischen Einigung» mit dem Titel «Wie Julius Cäsar den Euro erfand» . Sie erklärt darin ihrem 13-jährigen Sohn, dass es das vereinigte Europa eigentlich seit dem Römischen Reich immer wieder gegeben habe, dass es also nichts Neues sei nur besser. EU-Skeptiker erklärt sie schlichtweg für gefährliche Dummköpfe, die Gerüchte wie «Brüssel verbietet den Gamsbart am Hut» in die Welt setzten. In ihrer EU-Begeisterung verknappt sie die Geschichte Europas derart, dass die vergangenen 2000 Jahre als direkter Weg in die EU erscheinen von schlimmen Irrtümern verzögert. Und ihrem Sohn macht sie den gemeinsamen Markt vor allem mit purzelnden Preisen beim Telefonieren und Fliegen schmackhaft. Ein bisschen weniger (französische) Einseitigkeit hätte man von der renommierten Fernsehfrau doch erwartet. Pflanzenbuch-Juwel Ein wirklich aussergewöhnliches Sachbuch hat die deutsche Wissenschaftsjournalistin Susanne Paulsen verfasst: «Sonnenfresser. Wie Pflanzen leben» wurde dieses Jahr mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Zu Recht. Denn der raffiniert mit Schwarzweissabbildungen von Blättern, Blüten und Stengeln an die alte Technik des Pflanzenpressens erinnernde Band bringt einem Pflanzen auf so vielfältige Art näher, dass man nach der Lektüre einfach mit offeneren Augen durch die Welt gehen muss. Die Autorin, die auch schon als Molekulargenetikerin gearbeitet hat, in ihrer Kindheit aber Kräuterhexe werden wollte, weiss nicht nur mit bewundernswertem sprachlichem Feingefühl spannende Geschichten aus dem Leben der Pflanzen zu erzählen (ohne in den Sensationsjargon der Populärbiologie zu verfallen), sie weigert sich auch konsequent, zu vereinfachen, wo die Information leiden würde. Damit öffnet sie das Tor zur Welt der Pflanzen, wo sich Chemie, Physik, Philosophie, Geschichte und Religion ganz selbstverständlich treffen. Je jünger die von Sachbüchern angesprochenen Personen, desto schwieriger die Aufgabe. Denn bei der Vereinfachung der Vereinfachung, vorgetragen in einer anbiedernd flapsigen Kindersprache, bleibt häufig nicht mehr viel Sachlichkeit übrig. So etwa bei einigen Beiträgen des von Doris Schröder-Köpf und Ingke Brodersen herausgegebenen Bandes «Der Kanzler wohnt im Swimmingpool» , in dem prominente Journalisten Kindern erklären, wie Politik gemacht wird. Dass auch ein guter Ansatz misslingen kann, zeigt «Mensch & Co. Aufregende Geschichten von Lebewesen, die auf uns wohnen» von Jörg Blech . Der Autor bringt es fertig, das spannende Thema der Mikroorganismen, die der Mensch zum Leben braucht, zu einer höchst unappetitlichen Sache zu machen und mit Geschichten von Flöhen, Läusen, Zecken und Wanzen zu vermischen. Einzig das Blutsauger-Mobile zum Selberbasteln kann an diesem Buch gefallen. Besser funktioniert da das Spiel, das Christoph Drösser gewöhnlich in der «Zeit» für Erwachsene veranstaltet und nun in einer Kinderbuchversion herausgebracht hat: In «Stimmt's? Freche Fragen, Lügen und Legenden für clevere Kids» macht er sich daran, den Wahrheitswert überlieferter Behauptungen zu überprüfen. Ersetzt ein Apfel wirklich das Zähneputzen? Sind Faultiere faul? Und reinigt Dreck den Magen? Die Antworten, ob überraschend oder nicht, eröffnen ein weites Feld von Fragen.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.