Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Zeit: Sommer 1945. Der Ort: die heruntergekommene Vorstadt von Barcelona. Die Hauptfigur: Ein 14-jähriger Junge, dessen Vater vor wenigen Monaten auf der Flucht vor der frankistischen Geheimpolizei die Familie verlassen hat. Ein politischer Roman? Nur insofern, wie alles Private auch politisch und die Privatsphäre unter einer Diktatur hochgradig gefährdet ist.
Stimmen in der Schlucht ist eine Dreiecksgeschichte mit diversen Statisten. Protagonisten sind der junge David, der das Verschwinden seines Vaters nicht verwinden kann und sich in eine Traumwelt flüchtet; seine Mutter, die schöne Rothaarige, die hochschwanger ist und hart arbeiten muss, um den Lebensunterhalt der Familie aufzubringen; und der Kommissar mit den sanften Augen, der den beiden nachspionieren soll, sich jedoch in die Rothaarige verliebt und sich deshalb sogar um Davids Wohlwollen bemüht. In Davids Traumwelt treten immer wieder Gestalten aus seiner Vergangenheit oder der seiner Eltern: sein Vater, der sich auf der Flucht verletzt hat und betrunkene Reden schwingt; ein englischer Jagdflieger, der von seinem Vater ins Ausland geschmuggelt wurde und zu seiner Mutter in einer sonderbaren Beziehung steht; und der pechschwarze Hund, der zwar in der Mitte des Buches stirbt, aber trotzdem noch weitere Auftritte hat.
Juan Marsé lässt Wirklichkeit und Fantasiegebilde nahtlos ineinander übergehen. In der Schlucht neben Davids Wohnhaus zittert die Luft vor Hitze und der Junge gibt sich Träumereien hin, die sich kaum von der Realität unterscheiden. Die Menschen haben die Gewalt über ihr Leben ebenso verloren wie über ihre Träume, und so scheint es fast keinen Unterschied zwischen den beiden Welten mehr zu geben. Stimmen in der Schlucht ist ein sprachgewaltiges Buch, das eine bedrohliche Realität heraufbeschwört, die uns nur aus Geschichtsbüchern geläufig ist. Bei der Lektüre ertappt man sich immer wieder dabei, wie man panisch den Blick hebt, um erleichtert festzustellen, dass diese Realität nicht die unsere ist. Und liest dann gebannt weiter. --Hannes Riffel
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
Juan Marsé ist einer der besten spanischsprachigen Schriftsteller.
Das bislang beste Buch des großen spanischen Erzählers der Nachkriegsgeneration. Marsés Roman ist ein Kabinettstück der ›erinnernden Fantasie‹, frech und anrührend zugleich, und ein wenig wie die Filme von Pedro Almodóvar. […] Anders als bei uns Günter Grass sieht sich Juan Marsé nicht als Gewissen der Nation. Er ist eher ein Balzac der spanischen Nachkriegsära. Mit ›Stimmen in der Schlucht‹ ist ihm ein großartiges Buch gelungen – spannend, humorvoll und sehr poetisch.
Marsés neues Schelmenstück entfacht geradezu ein Feuerwerk literarischen Spotts, entlarvt mit luzider Freude moralische Klischees. Linke Freiheitskämpfer entpuppen sich als Alkoholiker, Kriegshelden als Verräter, und die Mama spielt ein Spiel mit vielen Trümpfen. Marsés Erzähler vernimmt dabei gepfefferte Dialogszenen, in denen Humor, Obszönität und Zärtlichkeit eine unwiderstehliche Mischung bilden.
Juan Marsé, detailverliebter Beobachter menschlicher Sehnsüchte und Enttäuschungen, gelingt mit leisen Tönen Großartiges: Die Tragödie des privaten Lebens als Spiegelbild der Geschichte darzustellen.