Ich habe dieses Buch in der Originalsprache gelesen und war von der Einfühlsamkeit, mit der Maraini ihre Protagonistin beschreibt, das Auffangen ihrer Stimmungen, Befindlichkeiten berührt. Es handelt sich um ein nachdenklich stimmendes, leises Buch. Maraini drängt sich nicht auf in der Spannungserzeugung, sondern läßt Taten folgen. Die Ich-Erzählerin wertet nicht, sondern lebt, fühlt und der Leser möchte mehr in sie eindringen, sie besser kennenlernen, so wie die Ich-Erzählerin das Opfer begreifen, fassen möchte. Maraini spielt mit den Möglichkeiten der Wahrheit, derer gibt es viele und sie sind relativ. Ein fast philosophisches Buch, ein Wandern in den nächtlichen Geistern, Erinnerungen, die sich verändern, die ebenfalls zu Wahrheiten werden, aber eigenen. Kein Krimi im klassischen Sinn, der Leser findet ebensowenig die Lösung, wie die Protagonistin. Vielleicht eine Lösung: Wahrheit ist das Empfundene, und manchmal läßt sie sich festlegen.