Im von den Arbeitern und Bauern gut abgeschirmten Niederschönhausen, "wo die Hohen schön hausen", dämmert die DDR-Gerontokratie, ohne es zu ahnen, ihrem Ende entgegen. So mancher Funktionär blickt verklärt auf seinen antifaschistischen Kampf zurück und versucht, sich seine eigene Biographie zurecht zu lügen.
So eine Figur verkörpert in Monika Marons Roman, der Mitte der Achtziger Jahre spielt, der 78jährige Herbert Beerenbaum, ehemaliger Beauftragter für ideologische Angelegenheiten an der Universität Berlin mit Volksschulbildung, aber Klassenbewußtsein. Er trifft auf die zweiundvierzigjährige Historikerin Rosalind Polkowski, die aufhörte "für Geld zu denken" und deshalb ihre sichere Stellung in einem Forschungsinstitut, in dem sie dem Sachgebiet über "die Entwicklung der proletarischen Bewegung in Sachsen und Thüringen" zugeteilt war, aufgab.
Beerenbaum, dessen rechte Hand durch einen Schlaganfall gelähmt war, engagiert Rosalind Polkowski, um ihr seine Memoiren zu diktieren. Zunächst verläuft die Zusammenarbeit harmonisch, da die Historikerin nicht sonderlich an den proletarischen Ursprüngen Beerenbaums interessiert ist. Doch mit dem ihm "in die Wiege gelegten Klasseninstinkt" kommen Assoziationen zu ihrem Vater hoch, der als überzeugter Kommunist mit diesem Wort seine Unfehlbarkeit begründete.
Mehr und mehr entspinnt sich die Geschichte mit Beerenbaum als Nazi-Opfer, das nach Moskau emigrierte, um nach dem Ende des Dritten Reiches als Täter wieder zurückzukehren und der frustrierten Historikerin, die sich als Opfer des DDR-Regimes begreift. Sie gibt ihre passive Schreibrolle auf und beginnt den gesundheitlich angeschlagenen, alten Mann zu attackieren. Auf ihre bohrenden Fragen, was im Moskauer Hotel Lux, einem Emigrantenhotel, aus dem nicht linientreue Kommunisten in den Gulag verschwanden oder umgebracht wurden (man erinnere sich an die unrühmliche Rolle des Genossen Wehner) erleidet der alte Funktionär einen Schwächeanfall. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung wird erreicht, als Rosa Polkowski von einem ihrer Bekannten, einem Sinologen von Rang, erfährt, dass dieser vor etwa zwanzig Jahren aufgrund einer Denunziation und Beerenbaums Anweisungen drei Jahre im Gefängnis einsaß.
Der unsympathische Täter, der einer Elite angehört, die erst wegsterben muss, damit mit dem System abgerechnet werden kann, erregt schließlich doch Mitleid und Erbarmen bei der jungen Historikerin und vielleicht auch beim Leser. Ein kranker, alter Mann in Strickjacke und Pantoffeln, der vor den Scherben seines Lebens sitzt und sich in Lebenslügen flüchtet.
Monika Maron lässt Rosalind als Ich-Erzählerin in Rückblenden Stück für Stück ihre Begegnungen mit dem durch Beerenbaum verkörperten Unrechtsregime aufarbeiten, ein Anfang der Neunziger Jahre glänzend geschriebener Abgesang auf die gerade vergangene DDR.