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Nach seinem legendären Interview mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten war Schluss. Harold Cleaver, britischer Starjournalist und begnadeter Talkshow-Zampano hatte genug. Genug vom nimmermüden Mediengeplapper, vom Saufen und der edlen Völlerei, die ihn hatte fett werden lassen, genug von den ungezählten Liebschaften, auf die der Bonvivant im Lauf eines ausschweifenden Lebens zurückblickte. Spirituelle Grundreinigung war angesagt. Und vor allem -- Stille. Über Nacht verschwindet Cleaver mit einem Flugzeug Richtung Mailand, lässt Lebensgefährtin, BBC und Kinder zurück, und beginnt sein neues, kontemplatives Leben in einer Südtiroler Berghütte weit über den Wolken. Nicht lange und die ersehnte Stille beginnt gewaltig in ihm zu dröhnen!
Tim Parks wäre nicht Tim Parks, hätte er dem übersättigten Medienmann nicht allerschwerstes Reisegepäck aufgeladen. Mit in die eisigen Höhenregionen zieht -- quasi als Roman im Roman -- ein gerade veröffentlichtes Abrechnungsbuch. Cleavers ältester Sohn hat unter dem maliziösen Titel Im Schatten des Allmächtigen den Vater als Meister des schönen Scheins entlarvt, ein medialer Sonnengott, in dessen Nähe sogar die eigenen Kinder verdorrten. Angesichts dieser bitteren Klageschrift ist die Bergesruhe endgültig dahin. Von reflexhafter Verteidigung zum routinierten Gegenangriff -- zur Erkenntnis! In einem ungeheuren inneren Monolog begibt sich Cleaver (hart am Rande des Abgrunds wohnend), auf Forschungsreise in die Abgründe der eigenen Seele.
Im Dauerclinch mit den Widrigkeiten seines Eremitendaseins und den Naturgewalten, kommen Cleavers journalistischer Ehrgeiz (ständig wittert er eine Story, ständig lockt der Griff zum Handy), wie auch seine sexuellen Präferenzen (ständig lockt auch der Griff nach der hocherotischen Pensionswirtin Frau Schleiermacher), langsam zum Erliegen. Als zusätzliches Spannungselement dient, dass Cleavers Berghütte einem kürzlich verstorbenen Altnazi Unterschlupf bot und der merkwürdige Unfalltod einer jungen Frau Rätsel aufgibt (Parallelen zum Tode von Cleavers Tochter, den -- wie ihm sein Sohn vorhält -- Cleaver schamlos medial ausbeutete, sind unverkennbar). Tim Parks hat, trotz des etwas kitschig-versöhnlichen Endes, seinen persönlichen Zauberberg geschaffen. Leider ging die im englischen Original reizvolle Zweisprachigkeit, die Cleavers Sprachlosigkeit unter dem stoischen Tiroler Bergvolk erst richtig deutlich macht, in der Übersetzung etwas verloren. Dennoch, ein Tim Parks, buchstäblich auf ganzer Höhe. --Ravi Unger
Pressestimmen
Er hat keinen Sex mehr, ist übergewichtig und überarbeitet. Als dann auch noch sein Sohn einen Enthüllungsroman über ihn schreibt, sucht Star-TV-Journalist Harold Cleaver nichts mehr als die Stille in einer abgeschiedenen Berghütte. Er löscht jede SMS, die bei ihm ankommt, nur den Lärm in seinem Kopf, den kann er nicht löschen... --
Celebrity, 09/2006Selbstmord war eine Form der Kommunikation. Das hatte er mal gelesen. Die Tatsache des Selbstmords, der Zeitpunkt, die Art und Weise, das alles waren Formen der Kommunikation, die mehr verrieten als jeder Abschiedsbrief." Man kann gedanklich an Abgründe geraten, man kann es auch leiblich. Harold Cleaver leistet beides - gleich mehrmals während seiner stillen Zeit. Der Londoner Fernsehmoderator, sonst mindestens einmal täglich auf Sendung, ist einfach abgehauen. Vorher hatte ihn sein Sohn in einem Roman literarisch fertiggemacht und damit einen künstlerischen Vatermord begangen. Cleaver handelt umgehend: In fast 2000 Metern Höhe will er völlig allein in einem alten Bauernhaus ohne Strom und fließend Wasser Bilanz ziehen. Autor Tim Parks verwebt Cleavers innere Monologe mit dessen einfachsten Handlungen - vom zielgerichteten Besaufen über den Versuch, etwas Wärme in die eingeschneite Bude zu kriegen, bis hin zum Gang aufs Plumpsklo. Ständig wechseln die Zeiten, die Stimmen und die Themen in einer Assoziationskette, die süchtig nach Lesen macht. Warum? Weil man einem Charkter bis auf den Grund blicken kann und tief in die Vergangenheit einer mehr als nur verkorksten Familie. Dass dies so virtuos gelingt, ist Tim Parks Leistung. Er bringt das Seelenleben seines Protagonisten glaubwürdig zum Fast-Systemabsturz. Schade, dass er bei der Konstruktion des Romanabschlusses so unglaubwürdig übertreiben musste. (jw) --
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