Aussteigerromane haben Konjunktur. Einer erwandert den Jakobsweg, ein anderer bricht aus seinem versteinerten Alltag nach Lissabon auf, während ein dritter alles hinschmeißt, um sich in ein Bergdorf zu verkriechen. Sein Vorsatz: Dort vollständig mit seinem bisherigen Dasein als gefeierter Interviewer zu brechen. "Das kulturelle Umfeld Südtirols, ... sagte sich Cleaver, muss weder analysiert noch ironisiert, kritisiert oder gepriesen werden." Dort will er einfach nur leben: "Nichts, murmelte Cleaver noch einmal,... das zur öffentlichen Diskussion beitragen könnte, wird von dieser Reise mitgebracht werden." Auslöser dieses Überdrusses am bisherigen Kommentatoren-Dasein ist das kritische Buch seines Sohnes, das den bezeichnenden Titel "Im Schatten des Allmächtigen" trägt. Erschienen ist es kurz vor Cleavers Karrierehöhepunkt, dem sensationellen Interview, in dem er den amerikanischen Präsidenten (in dem man unschwer Bush jr. erkennt) auseinander genommen hat - allerdings ohne dessen Wiederwahl zu verhindern.
Doch die vom Autor Parks genau und liebevoll gezeichnete Umgebung lenkt Cleaver nicht wirklich ab, denn ständig beschäftigt er sich in Gedanken mit den Vorwürfen seines Sohnes, der auch den tragischen Tod von Cleavers Tochter anspricht. So misslingt das Aussteigen, auch weil er sich bald immer stärker mit der Frage nach den Ursachen für ein altes Zerwürfnis befasst, das die Südtiroler Familie gespalten hat, von der er nach dem Tod des Großvaters dessen isoliertes Haus mieten konnte. Die Gegenwart spielt eigentlich nur dann eine Rolle, wenn ihre Bewältigung dem gänzlich unvorbereiteten Cleaver wieder mal auf schmerzhaft peinliche Weise misslingt. Da die am Anfang aufgebaute Erwartung des Lesers nicht wirklich befriedigt wird, verliert das Buch zum Ende hin trotz einer gewissen Zuspitzung der Ereignisse an Spannung. Weder führt der Besuch seines Sohnes zu einer dramatischen Auseinandersetzung, noch wird das düstere Familiengeheimnis wirklich geklärt. Am Ende verbleiben eine nach wie vor rätselhaft unentschlossene Hauptfigur, eine unverständliche Umgebung und ein gefrusteter Leser, der sich fragt: War's das nun?
Das Buch ist zwar gekonnt übersetzt, trotzdem sollte man es vielleicht besser auf Englisch lesen, da dann die für Cleaver weitgehend unverständlichen Südtiroler Sprachbrocken in ihrer Absurdität noch besser zur Geltung kommen.