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Musikalisch hat sich wenig verändert. Trotz ein paar Synthi-Bläser-Zutaten bleibt es beim minimalistischen Elektro-Punk mit Anleihen bei der Neuen Deutschen Welle, siehe den Girlie-Auftakt mit "Komm mein Mädchen", "Pro Test" mit DAF-Rhythmen, die sich auch durch "Blaue Flecken" oder "Atze de Boe" ziehen. Nach "Rauschen", einem Noise-Instrumental, kommt wohl das schönste, ausgereifteste Stück der ganzen CD, "Sonne", das einzige, auf dem auch ein paar englisch gesungene Zeilen fallen. Das alte Thema "Süßer Vogel Jugend" wird hier mit Synthi-Bläsern und romantischen Arrangements zum zerbrechlichen Gesang neu variiert.
Die Liebe spielt natürlich eine große Rolle, mal eiskalt auf "Hungriges Herz", mal mit Reggae verbrämt und fordernd mit "Komm her." Und mit "Hoffnung", dem Lied als Lebenshilfe, bewegen sich Mia mit Piano und einem melancholisch gepfiffenen Refrain am Schluss auf neuen, ungewohnt melodischen Pfaden. Eine alte Branchenregel heißt, das zweite Album eines Künstlers ist auch immer ein Übergang zu neuen Ufern. Mit Stille Post sind zumindest die Weichen gelegt, dass Mia die Transformation gelingt. --Ingeborg Schober
Das mögen sich auch Mia denken, wenn sie die Kritiken zu ihrem aktuellen Album lesen. Dabei wollen sie „nicht schockieren, sondern alarmieren“. Ein Deutscher zu sein, soll kein Politikum mehr darstellen, darüber zu reden auch nicht. Mit diesem Album, speziell mit dem Song „Was es ist“ haben Mia aber genau das geschaffen – ein Politikum. Das Volk der Deutschen: ein Triebtäter, der von der internationalen Gemeinschaft längst als therapiert und geheilt entlassen wurde, der aber der Therapie selbst nicht traut; ein Alkoholiker, der endlich trocken ist und doch zeitlebens Angst hat vor der neuerlichen Versuchung. Dabei ist klar, dass eine Generation, deren Eltern bestenfalls Kinder waren, als der Krieg endlich vorbei war, sich nicht länger die Erbsünde um die Ohren hauen lassen will. Was die Gutmenschen in Spiegel&Co. besonders erregte, war die Zeile: „Fragt man mich jetzt, woher ich komme / Tu ich mir nicht mehr selber leid.“ Formelhaft, wie zu DDR-Zeiten agitiert wurde, wird jede Haltung angeprangert, die dem eingetrichterten Demutsmief, einer Art katholischer Büßermentalität, widerspricht. Gut möglich auch, dass da der eine Kritiker beim anderen abgeschrieben hat, eine Art schriftliche "Stille Post" also.
Vielleicht ist das Album gerade an dieser Stelle Punk, nicht als Musikrichtung, sondern als Protest, wenn Mia sich gegen einen festzementierten gesellschaftlichen Konsens stellen, der ohne Zweifel einmal seine Berechtigung hatte, nun aber längst (wie vieles in diesem Lande) obsolet ist. Dabei beschreibt die Band im gleichen Lied unseren Zeitgeist so treffend wie momentan kein anderer (und ich kann beim besten Willen nichts Nationalistisches daran erkennen): „Luise schreibt mir aus Amerika. / Man schätze dort ihre direkte Art. / Und auf Ibiza tanzt Matthias im ‚Pascha’. / Das ist unsere Gegenwart. / Ich fühle, wie sich alles wandelt. / Und wie ich selber ändern kann, / Was mich beengt in meinem Leben, / Denn mit ändern fängt Geschichte an.“ Ganz klar das stärkste Stück des Albums. Vielleicht wird dieser Song einmal als Zeugnis für das Lebensgefühl junger Menschen am Beginn des Jahrtausends die Zeit überdauern.
Doch genug, das Album bietet auch andere Lieder. „Es kommt irgendwann irgendwie irgendwo alles wieder.“ Dieses Zitat (das mich an einen Song von Nena erinnert) ist musikalisches Programm. Mia bedienen sich ganz ungeniert bei Punk und NDW, aber nach 25 Jahren klingt diese Musik wieder erstaunlich frisch. Nina Hagen glotzte seinerzeit TV, und Mia haben heute Ökostrom. Vor reichlich 25 Jahren besang Ideal die „Blauen Augen“, heute sind es die „Blauen Flecken“.
Die Songs sind druckvoll, teilweise zornig (ob nun glatter als beim Debüt, kann ich nicht sagen, das kenne ich noch nicht). Die Texte sind teilweise sehr erwachsen, obwohl gerade an den Texten noch stark gearbeitet werden kann (damit meine ich nicht den Inhalt, die Botschaft, sondern die Worte und Bilder – z. B. die Metapher „süßer Vogel Jugend“, das klingt einfach nach Schlager) – dafür gibt’s auch einen Punkt Abzug.
„Wirst du mir vergeben, wenn ich dich anrege?“ Was gibt es da zu vergeben? Ich bitte darum! Und übrigens, um doch noch einmal auf „Was es ist“ zurückzukommen: keiner singt das Wort „Liebe“ so schön wie Mieze.
Dies ist meine Sicht der Dinge. Aber hört das Album selbst, denn vielleicht versteht ihr etwas gänzlich anderes. Und mal sehen, wie der Lauf der Jahre die Botschaften der „Stillen Post“ verändern wird.
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