1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Stille Tage in Berlin, 19. März 2002
Rezension bezieht sich auf: Stille Mitte von Berlin. Eine Recherche rund um den Hackeschen Markt. (Gebundene Ausgabe)
Berlin-Touristen kennen das Viertel um Hackesche Höfe und Oranienburger Straße als bunt, laut und lebendig. Das war es lange nicht. Vor zwanzig Jahren stand hier "eine Rumpelkammer mit Möbelstücken der Weltstadt Berlin", die die Schriftstellerin Irina Liebmann faszinierte: "Ein ganzes, großes Wohnzimmer verwitterte da und verstaubte."
Bruchstückhaft und deutlich wie nirgendwo sonst in der Hauptstadt der DDR trat in dieser Gegend Berlins Vorkriegsvergangenheit zu Tage. Für ein Romanprojekt interviewte Liebmann alte Anwohner, grub in Archiven und machte als Gedächtnisstütze eine Reihe Fotos. Das Material wuchs und wurde zur Last, den Roman hat sie nie begonnen, doch die Aufnahmen dokumentieren heute gleich zwei Vergangenheitsschichten: Das stille, vor sich hin bröckelnde Quartier in den 80er Jahren und die noch erkennbaren Spuren des Lebens vor dem Krieg.
Die Bilder zeigen überwiegend graue Ansichten eines aufgegebenen Stadtteils mit vernagelten Fenstern, abblätternden Fassaden, Verschlägen, Trümmergrundstücken, leeren Flächen. Für Zugezogene und Besucher eine ungewohnte Perspektive: Die vertrauten Ecken ohne Läden und Cafés, dafür fast menschenleer. Diese Schnappschüsse sind allerdings erst durch den historischen Bruch ansehenswert geworden. Architektonisch interessante Details - stillgelegte Fahrstühle, Portiersklingeln, Mosaike, Ornamente, Fliesen, Geschäftsschilder, Namen auf Brandmauern - hat Irina Liebmann nicht fotografiert, sie erwähnt sie nur.
Um eindrücklicher ist ihre essayistische, sprachlich schöne Beschreibung der historischen Spurensuche, die sie fesselte und bald auch bedrückte: 1980 war es noch möglich, das fehlende "Verbindungsstück" zur Vergangenheit durch mündliche Überlieferung zu überbrücken. Die Schriftstellerin leistete auf diesem Gebiet Pionierarbeit. Vor allem alte Frauen erinnerten sich an einen bescheidenen Alltag, an Läden und ihre Besitzer, Kieztratsch über längst Verstorbene oder in den Westen geflüchtete, Streitigkeiten. Es gab unverblümte Kommentare über die sozialistische Gegenwart - "Wir wüßten gar nicht, was es alles Schönes auf der Welt gäbe, wie herrlich sie alle früher sich gekleidet und vergnügt hätten und wie phantastisch es in Berlin einmal zugegangen sei..." - und schreckliche Einzelheiten, Schweigen und beim zweiten Besuch verschlossene Türen, wenn Leute zur Zeit nach 1933 und zu jüdischen Nachbarn befragt worden waren. Diese Verbindung mit der Vergangenheit ist abgerissen, durch den Tod der Zeitzeugen und indem man das Wohnzimmer wieder zur guten Stube gemacht hat.
Fazit: Ein stilles, schönes Buch (allerdings mit einem unsinnig auf aktuell getrimmten Vorwort) für historisch interessierte Berliner und Berlin-Freunde, das uns den Rummel um die Hackeschen Höfe mit anderen Augen sehen läßt.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
5.0 von 5 Sternen
Eindrucksvolle Fotos und Texte, 19. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Stille Mitte von Berlin. Eine Recherche rund um den Hackeschen Markt. (Gebundene Ausgabe)
Ein sehr schönes Buch mit eindrucksvollen Fotos und Texten zur ehemals stillen Mitte von Berlin. Wie vertraut und wie fremd zugleich alles wirkt. Wer sich erinnern möchte, sollte es einmal in die Hand nehmen! Mir gefällt es sehr und ich kann damit stundenlang in diese Zeit eintauchen.
Übrigens kann man nun auch einige der Fotos als Kunstdrucke erwerben. Einfach mal auf der Seite der Autorin vorbei schauen...
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein