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Still, ich denke an das Huhn
 
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Still, ich denke an das Huhn [Gebundene Ausgabe]

Hans Hagen , Harrie Geelen


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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Das Huhn in der Schachtel

Oder was Bilderbücher mit Ostereiern gemeinsam haben

«Still, ich denke an das Huhn» heisst ein Bilderbuch von Hans Hagen und Harrie Geelen. Erste Szene: Das Huhn ist tot. Eine mit widerborstigem Pinsel gemalte Kindergestalt, Jan Erik, senkt voll Kummer die dicke Nase über den weissen Federbalg. «Huhn, Huhn, liebes Huhn», sagt seine Kinderstimme im Text. «Komm, ich helfe dir aus deiner Schachtel.» Der Hühnerkopf sackt nach unten. «Es verbeugt sich vor uns», flüstert, von rechts ins Bild laufend, der Hahn. Als vierte Figur, wichtig für das komische Element, sitzt auf dem schwarzen Ast, der von oben links ins Bild ragt, eine Krähe und senkt das mondsichelförmige Gelb ihres begehrlichen Schnabels über Jan Eriks Borstenkopf und das tote Huhn. Ihr Appetit gilt dem (hier noch unentdeckten) Nachlass des Huhns in der Schachtel: dem Ei.

Bild, Text und Moral

Das Bilderbuch ist eine Schachtel, darin die Geschichte. Beim Aufklappen sind die Figuren in Szene. Die Disposition leuchtet ein, die Intonation gefällt, das Thema macht skeptisch (wieviel Schwachsinn in Sachen «Sterben» ist uns nicht schon zugemutet worden in Kinderbuchform!). Aber nein – von Seite zu Seite findet der Fortgang die schmale Passage zwischen Freiheit des Phantasierens und Konsequenz, die die Geschichte verlangt. Am Ende entlässt die Schachtel – «Huhn, Huhn, liebes Huhn. Komm, ich helfe dir . . .» – ein Küken. Dass die Leichtigkeit des Gelingens eine Frage der Kunst ist, ermisst sich im Fall dieses Buches an der Schwere des Stoffs. Doch am Stoff liegt es nicht. Bilderbücher sind wie Ostereier, ihr Besonderes ist eine Frage der Oberfläche. Wie das Weiss der schönen Ei-Form nach Mustern ruft, so das Weiss des Papiers nach Zeichen und Bildern. Das Buch als Objekt ist ein Kolumbus-Ei nach wie vor: ein dreidimensionales Ding, das nichts als Oberfläche enthält. Plane Räume, angeordnet wie Treppen, die Bewegung und Richtung suggerieren: Fortsetzung, Rückgriff, Wiederholung; vorn/hinten, nah/fern, aufwärts/ abwärts.

Abwärts geht es zum Beispiel, stimmungsmässig im Kopf des Helden und «real» von Bild zu Bild, mit dem drolligen Wolf, der in «Keiner mag mich!» von Philippe Corentin Geburtstag hat. Wütend marschiert er durch den Wald, hinunter ins Kaninchenloch, immer tiefer ins heulende Elend seiner Einsamkeit. Keiner mag ihn, keine Seele nirgends (dabei gucken neugierige Augenpaare um jede Ecke), bis er ganz zuunterst ins Glück seiner Geburtstagsparty stürzt, die er nie, nie mehr erwartet hätte . . . Das Buch ist ein Beispiel für eine ganze Reihe sehenswerter Bilderbücher aus Frankreich, auf deren Herausgabe sich der verdienstvolle Moritz-Verlag spezialisiert hat. Der Buchmechanismus ist wie geschaffen für Kettengeschichten. Jedes Umblättern ein Sprung ins Unverhoffte, das die Fortsetzung ums nächste Eck steuert. Beliebte Motive: Feind/ Freund; allein/miteinander; hier/anderswo. In Leo Lionnis «Geschichte mit Flöhen» sind die beiden Hauptdarsteller unsichtbar, d. h. zu Stimmen abstrahiert, die in Form einer grün und einer braun unterlegten Sprechblase agieren. Grün liebt die Fremde (Huhn, Stachelschwein, Maulwurf als exotische Floh-Lebenswelten), während Braun lieber zu Hause auf dem Hund geblieben wäre, der die Tierparade anführt und beschliesst. So durchhüpfen zwei Sichtweisen die Reise ins Fremde, und die Ziele sind zwei.

Papierkünste

Handfester moralisch untermalt sind Auszug und Rückkehr in Claude Boujons «Schmeckt's, Herr Hase?», wo die Wegstrecke zwischen dem Essverweigerer am Anfang (Ohren steil, grimmiger Schmollmund im körnigen Zeichenstrich, lapidar auch die unaufgegessene Rübe auf dem Teller) und dem lachenden Aufesser am Schluss (Ohren zerfranst, Teller leer) ebenfalls zwischen Aufbruch und Heimkehr spielt. Nach Schnupperstationen über den Tellerrand von Frosch, Fisch, Schwein und andern lernt Herr Hase sich selbst kennen als gefundenes Fressen für den Fuchs – was ihn in letzter Sekunde Mores lehrt, sprich die eigenen Grenzen. Grausam? Ceci n'est pas une pipe, wissen Kinder sehr wohl, wenn man sie lässt und wenn das Bilderbuch künstlerisch trägt. Stoff und Moral sind, auch im Kinderbuch, «nur» der widerständige Rest, an dem Graphik und Text sich bewähren müssen.

Das Bilderbuch – nach Vorläufern eine Erfindung vor allem des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts – hält auch im elektronischen Zeitalter noch manch unausgeschöpfte Gestaltungsmöglichkeit bereit. In «Zoom» und dem Nachfolgeband «Re-Zoom» von Istvan Banyai entfaltet die Seitenabfolge neue Sichtweisen. Auf dem ersten Bild sieht man etwas Unkenntliches, das beim Umblättern als Detail eines grösseren Ganzen erkennbar wird, Speer eines Rentierjägers zum Beispiel. Auf dem übernächsten Bild ist der Ausschnitt aus dem Höhlenbild mit dem Rentierjäger Motiv auf dem Zifferblatt einer Armbanduhr eines Mannes, der ein ägyptisches Motiv kopiert, das . . . und so weiter. Von Bild zu Bild saust man aus einer vermeintlichen Wirklichkeit in eine ebenso vermeintliche nächste. Man reist – oder fällt – durch Länder, Zeiten und Meere. Oder sitzt doch nur vor Bildern, die ein Kopf ins Unendliche produziert? Ein Tanz auf dem Hochseil virtueller Sichten, dargestellt mit dem Mitteln des Bilderbuches, ohne alle zusätzlichen Tricks.

Dabei ist es Mode geworden, Kinderbücher mit Effekten aufzumotzen: Glitzerfolie, Aufklappteile, herausnehmbarer Krimskrams, von der CD-ROM einmal zu schweigen. In «Das kleine Glühwürmchen», einem Bilderbuch von Eric Carle, der dergleichen nicht nötig hätte, blinken die Tierchen dank auswechselbaren Batterien elektrisch . . . Angsttriebe, die das Buchsterben begleiten? Vermutlich. – Gegenbeispiele zeigen, dass Effekte auch Sinn machen können. In der aus Frankreich übernommenen Sachbuchreihe «Meyers kleine Kinderbibliothek» für Fünf- bis Sechsjährige verwandeln farbig bedruckte transparente Zwischenblätter die darunterliegenden Bilder. In «Das Ei» sieht man so im Huhn das Ei und in der Eierschale das Hühnchen wachsen. Andere Bändchen zeigen, wie Pinguine tauchen oder wie der Bagger seinen Arm bewegt.

Bewegliche Bilder

Bücher, aus denen etwas herausspringt, freuen Kinder seit je. Wie spannend, wenn der dicke König Neptun dreizackschwingend aus unserem Disney-Buch auftauchte und beim Zuklappen wieder verschwand! Bewegliche Bilder haben eine lange Tradition. Nach 1945 kamen sie, da von der Buchbindearbeit her zu aufwendig, fast ganz aus der Mode. Nur als Warenhaus-Billigangebote, oft aus Osteuropa, fand man sie gelegentlich. Heute dürfen Bilderbuchgraphiker wieder mit Papierkünsten experimentieren. «Mausis Haus» von Lucy Cousins beweist, wie zweckmässig und schön die moderne Version eines alten Kindervergnügens sein kann. Die englische Graphikerin hat zwischen zwei Buchdeckeln eine komplette Puppenstube versorgt. Bewohnerin ist die vergnügte Maus, deren knorrig umrandetes Profil wir aus Cousins' Klapp- und Ziehbüchern für Kleinste kennen. Klappt man das sechsseitige «3-Zimmer-Haus-Spiel-Buch» so weit auf, dass die Buchdeckel Rücken an Rücken liegen, steht es wie eine Drehbühne da, rundum zugänglich, mit Fenstern, Türen, Tisch, Bett, Kochherd, Spüle und wohlgarnierten Schränken. Da mein sechsjähriger Experte zwar begeistert die vielen Papiertellerchen, Tassen, Kleider und Spielsachen für die Maus, doch sie selbst nicht entdeckte, stellte er sie eben mit Hilfe von Karton, eigenem knorrigem Zeichenstrich und Schere her. So kommt es, dass die richtige Mausi (ihr Versteck sei nicht verraten) bei uns schon ein Kind hat.

Anna Katharina Ulrich

Kurzbeschreibung

Jan Erik muß sein verstorbenes Huhn begraben. Er legt es in die Erde, neben ein Schälchen mit Getreide und ein Schüsselchen mit Wasser. "Was für ein wunderbar warmes Nest", sagt die Krähe und läßt eine Blume fallen. Der Hahn zupft eine Feder aus seinem Schwanz und legt sie neben das Huhn. "Das Huhn ist weg", flüstert Jan Erik traurig, "es wohnt nun in meinem Kopf". Eine poetische Geschichte über den Tod und darüber, wie man die Traurigkeit überwinden kann.

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