Ich setz mich jetzt in die Nesseln, aber: "Still Life" ist meine Lieblings-Stones-Live-Platte nach "Get yer Ya-Ya's out"! (Ohne dieser Konkurrenz machen zu können - aber welche Platte kann das schon?) Es bleibt für mich das Album, das am besten die Live-Atmosphäre eines Stones-Stadionkonzertes einfängt. Gut, die Stones treten recht großspurig (und Mick Jagger im wahrsten Sinne des Wortes etwas groß-mäulig) auf - aber hey, sie waren mit dieser Tournee endgültig in der Stadion-Rock-Liga angelangt. Es war auch die letzte Tournee, bei der sie nur wenige Begleitmusiker dabei hatten (Keyboard und Saxophon); dafür singen Keith und Ronnie hier noch öfters im Refrain mit, Bills Bass klingt geil - und sogar die Schlüsse klappen einigermaßen!
Ich habe die Stones 1981 entdeckt, bald darauf erschien diese Platte, und sie machte es mir sehr leicht, die Stones lieben zu lernen. Sie wurde im Herbst / Winter 1981 bei verschiedenen Auftritten während der Amerika-Tournee mitgeschnitten; aber paradoxerweise ruft sie bei mir zu jeder Jahreszeit ein Gefühl hervor, als würde ich im offenen Cabrio durch eine Sommerlandschaft fahren. Das liegt vorneweg an der Atmosphäre, die die sehr gute Produktion hervorruft: anders als bei ganz vielen Live-Alben (egal von wem) habe ich hier durchgehend (und nicht nur zwischen den Liedern) das Gefühl, im Stadion mit dabei zu sein.
Das geht schon gleich mit dem phantastischen Intro Take the 'A' Train und der energiegeladenen Ankündigung der Band los, Keith reißt das Riff von Under my Thumb an, und man kann hören, wie sehr die Stones seit der Originalaufnahme 1966 gereift sind. Auch Let's spend the Night together und Shattered sind um Klassen besser als die Studio-Versionen.
Mit Twenty Flight Rock liefern die Stones eine wilde Rock & Roll-Coverversion ab, und mit Going to a Go-Go zeigen sie wieder, wie sie eine Vorlage so umkrempeln können, dass es klingt, als hätten sie es selbst geschrieben. Dasselbe gilt für die dynamische Version von (Just my) Imagination mit ausgearbeitetem Riff und aufregendem Sax-Solo, die die Studiovorlage um Längen schlägt.
Let me go war im Studio recht dröge und lebt erst in der Live-Fassung richtig auf, und auch den alten Klassiker Time is on my Side bringen sie gereifter und viel gefühlvoller rüber. Start me up war seinerzeit die aktuelle Single (damals noch ohne Ronnies Solo). Lediglich Satisfaction ist mir etwas zu hektisch gespielt, Mick singt zu atemlos, aber egal. Die Jimi Hendrix' Woodstock-Version von Star Spangled Banner beendet das Konzerterlebnis stilvoll.
Bis auf Under my Thumb, Time is on my Side und Satisfaction erschienen die Songs hier erstmals offiziell in Liveversionen. Einziges Manko der Patte: sie ist (mit rund 40 Minuten) zu kurz!!! Wieder eine vertane Chance, Beast of Burden, die B-Seite von Going to a Go-Go, mit auf die CD zu packen! (Die gab's dann 2005 auf "Rarities 1971-2003" endlich auch auf CD.) Was hätte das für eine Doppel-LP oder gar Doppel-CD abgegeben! Genügend Material dafür war vorhanden, was auch der Konzertfilm zu dieser Tournee ("Let's spend the Night together") oder das Bootleg "Hampton '81" belegen, die interessante Ergänzungen zum Album darstellen.
Der Sound des Remasters von 2009 ist erwartungsgemäß noch lauter ausgefallen als der von '98, aber nennenswerte Klangverbesserungen kann ich nicht erkennen. Lediglich Satisfaction scheint mir hier endlich voller zu klingen als auf den bisherigen LPs & CDs.