Man kennt das Problem ja aus Film, Fernsehen und Büchern: Wenn ein Werk einen bestimmten Erfolg feiert, dann kann man nach einer gewissen Zeit mit einem Nachfolger rechnen, der dem Anspruch des Vorgängers leider selten gerecht wird. Ob das auch für "Still Life 2" gilt, werden wir im Folgenden sehen.
Der erste Teil (blenden wir "Post Mortem" mal aus) war ein gutes, wenn auch nicht überragendes, Adventure und konnte vor allem mit seinen spannenden Szenarien und dem Umstand, dass sich das Geschehen auf zwei Zeitebenen abspielte, die trotz 75 Jahren Abstand anscheinend den selben Mörder als Dreh- und Angelpunkt hatten, punkten. Diese Stärken greift auch "Still Life 2" wieder konsequent auf, kann damit aber nicht mehr so für Überraschungen sorgen, wie der Vorgänger, was allerdings nicht so stark ins Gewicht fällt. Die Geschichte um den so genannten "Ostküsten-Mörder", der diesmal keine Bilder sondern anscheinend Filme als Vorlage für seine Gräueltaten nimmt, überzeugt über weite Strecken hinweg und bietet durch die erneute Teilung der Sicht auf den Fall auch ordentlich Abwechslung. Diesmal ist jedoch nicht Agent McPhersons Opa Protagonist der zweiten Hälfte, sondern die Reporterin Paloma Hernandez, die vom Ostküsten-Mörder entführt und in ein mörderisches Spiel der Marke "Saw" gezwungen wird. Die Ereignisse der Ermittlung und des Überlebenskampfes finden recht parallel statt, so dass Ereignisse einer Spielebene auch wichtig sind für die jeweils andere.
Technisch hat sich nicht viel getan: die Hintergründe sind meines Erachtens sogar schlechter geworden als im Vorgänger, da sie aus groben und lieblos angeordneten Texturen bestehen - besonders die Waldumgebung sieht einfach nur furchtbar aus und man könnte meinen, hier liegt ein 10 Jahre altes Spiel vor. auch die Animationen der Figuren sind nicht mehr auf der Höhe der Zeit, aber Adventure-Fans verzeihen ja sowieso recht viel. Eindruchsvoll ist hingegen die neue Musikkulisse geraten und besonders das Hauptthema im Intro/Menü ist ein richtiger Ohrwurm. Auch die Sprecher sind wieder solide, auch wenn man keine allzu prominenten Stimmen vernimmt - wer die "Syberia"-Teile oder den Vorgänger kennt, weiß was ihn erwartet.
Spielerisch haben sich auch nur Nuancen geändert, wobei es zwei Elemente gibt, die das Vorhandensein von Licht und Schatten recht extrem darstellen: zum einen gibt es begrenzten Inventarplatz, so dass man auf die Nutzung von verteilten Lagerstätten für Gegenstände angewiesen ist, in denen man überflüssiges oder später noch benötigtes Zeug ablegen kann. Das nervt insbesondere dann, wenn man einen dringend benötigten Gegenstand im Keller verwenden möchte und dieser irgendwo oben im Haus liegt. Das sorgt für langweilige Laufwege. Positiv hingegen ist die Einbindung von kriminalistischen Untersuchungen der Marke "Fingerabdrücke nehmen" oder "Chemikalien untersuchen", die an die "CSI"-Spiele erinnern und eine viel tiefere Einbindung des Spielers in das Geschehen ermöglichen.
In der vorliegenden "Bestseller Edition" lief das Spiel bei mir fast absolut bugfrei - keine Abstürze, keine Probleme mit Grafik oder Sound oder sonstiges. Einzig der Umstand, dass sich die Spielfigur nach einer gewissen Zeit immer langsamer bewegt und nur ein Neustart des Spieles Abhilfe schafft, ist als Nachteil zu erwähnen. Wer also den Vorgänger mochte und vor allem kannte (!) bekommt mit "Still Life 2" ein gutes Krimiadventure zu einem mittlerweile konkurrenzlosen Preis. Daher gibt es vier Sterne in der Gesamtwertung und die abschließende Erkenntnis, dass zwar auch diese Fortsetzung nicht den Charme ihres Vorgängers erreicht, aber dennoch einen runden Abschluss der Geschichte um Vic McPherson bietet.