"Still crazy after all these years" - dieser sehr einprägsame Titel wurde für Paul Simon's 4. Soloalbum ausgewählt; und wird natürlich sofort mit dem Wahnsinns-Opener und Titelsong der CD in Verbindung gebracht: Eine wunderbare, besänftigende Nummer, an den richtigen Stellen von den richtigen Instrumenten untermalt (ein Streicherensemble leitet das geniale Saxophonsolo ein). Der Song wird in langsamem Tempo und im 6/8-Takt vorgetragen, ebenso wie das bittersüße "Some folks lives roll easy" und das geheimnisvoll und leise anmutende "Silent eyes", zwei weitere Höhepunkte des Albums.
Paul Simon hat sich, im Vergleich zu seinen vorherigen Werken "Paul Simon" und "Rhymin' Simon" stark weiterentwickelt.
Scheinbar hat er sich auf den bereits starken Vorgängern "warmgespielt", an unterschiedlichen Stilrichtungen und Arrangements getüftelt sowie einen eigenen Stil entwickelt (klassischer Folk-Rock, mit verschiedensten Elementen, von Jazz über Gospel bis Pop angereichert), um dann mit "Still crazy..." (1975) und dem darauffolgenden "One trick pony" (1980) zwei unübertreffliche Meisterwerke dieser Art zu veröffentlichen.
Weitere erwähnenswerte Stücke aus "Still crazy..":
"My little town", der letzte echte Simon & Garfunkel-Song (auf Solo-Alben beider Interpreten vorhanden); "I do it for your love", ein melancholischer Song zum Dahinschwelgen; die Ehebrecher-Hymne "50 ways to leave your lover" und das düstere "Night game", auf dem Paul Simon's Gesang nur von einem klassischen Fingerpicking (mit einer !E-Gitarre! gespielt!) und einer dezenten Mundharmonika begleitet wird.
Alles in allem ist "Still crazy after all these years" der erste von vielen Meilensteinen in Paul Simon's Solokarriere nach der Trennung von Artie Garfunkel, der durch geniale Arrangements und eine beruhigende Wirkung und Atmosphäre besticht.