Aus der Vielzahl jener Leitfäden zur Stilistik sticht Ludwig Reiners' „Stilkunst - ein Lehrbuch deutscher Prosa" noch immer hervor. Grundfragen von Satzbau und Wortwahl, Warnung vor immer wieder kehrenden Unglücken des Schreibhandwerks und die Mittel dieses Handwerk zur Meisterschaft, vielleicht zur Kunst zu bringen, sind die Inhalte des Ratgebers. Das unterscheidet den Reiners nicht von Werken neueren Datums. Der Unterschied liegt in der Begründung für eine Stilkunde: Wo moderne Lehrbücher den Nutzen guten Stils in Beruf und Alltag anführen, sorgte sich Reiners zwei Jahre vor dem Ende von Krieg und Nationalso-zialismus um „Glanz und Elend der deutschen Sprache". Das macht in guter wie schlechter Hinsicht die Qualität der „Stilkunst" aus - die Vorzüge überwiegen bei weitem die Nachteile.
Reiners Mission verlangt ihren notwendigen Raum. So kommt die „Stilkunst" nicht als schlankes Bändchen, sondern als Buch mit über 600 Seiten daher. Wenn man sich dennoch kaum ein Wort ungeschrieben wünscht und kein Verdacht ausschweifenden Erzählens aufkommt, fragt man sich, ob auch die knapp 200 Seiten manch einer modernen Stilkunde alles Gebotene mitteilen. Denn: Reiners Wille auch in den Einzelheiten klar und anschaulich zu bleiben, immer ein illustrierendes Beispiel anzuführen, diese Mühen eines Missionars lassen die „Stilkunst" so reichhaltig werden. Stünden allgemeine Ratschläge anstelle konkreter Anleitungen hätte sie weit weniger Seiten gehabt.
„Wer den Stil bessert, schult Denken und Charakter", behauptet Reiners und muss in der Bewältigung einer solchen Aufgabe hohe Maßstäbe an sein Tun legen: Daher ist die „Stilkunst" mit umfassender Sachkenntnis und unterhaltsam geschrieben. Sie wird zum Lesevergnügen, weil Reiners seine Ratschläge beherzigt. Sprachwitz und übersichtliche Gedankenführung finden sich an Stelle zusammengestückelter Übersichten und Schautafeln.
„Jedes Buch ist ein Zwiegespräch zwischen Autor und Leser", stellt Ludwig Reiners vor allem anderen fest - zu Beginn des Vorwortes - und dieser Einsicht verdankt auch die „Stilkunst" ihren größten Vorzug: Sie dient dem Leser. Reiners will seine Sache vermitteln, sie lehren. Deswegen ist sein Lehrbuch klug gegliedert und fürs Verstehen, nicht zum Staunen geschrieben. Überflüssige Fachbegriffe und selbstgefällig schwadronierende Sätze finden sich nicht. Plakative Aufmachung und den Leser betörendes Begriffsklimpern fehlen. Die „Stilkunst" erklärt auf einfache und geistreiche Weise.
Da Reiners „Glanz und Elend der deutschen Sprache" am Herzen liegen und „Denken und Charakter" hiervon abhingen, kann seine „Stilkunst" nicht ideologiefrei sein. Hierin liegen ihre Schwächen. Dass Sprachschäden Volksschäden seien, mag man heute zu Recht nicht mehr hören. Dass der reiche bildungsbürgerliche Schatz, den Reiners darbietet, einseitig konservativ geprägt ist, bedauert man. Dass die Diskussion um das Fremdwort arg verbissen geführt wird, sieht man angesichts der englischen Wörterflut mit wachsender Nachsicht.
Insgesamt eine sehr empfehlenswerte Kunde für alle, die die deutsche Sprache wirklich lernen wollen.