Nachdem ich einen überraschend amüsanten Bericht Philipp Tinglers zur Pressevorstellung des Ferrari California in der Zeitschrift "ramp" gelesen hatte, habe ich mir unversehens sein neustes Werk "Stil zeigen" zugelegt. Und ich sage Ihnen: Das Lesen macht Freude!
Die vermeintliche Oberflächlichkeit Tinglers ist brilliant. Er analysiert messerscharf Phänomene des Alltag post-industrialisierter Kulturkreise des Westens, mit welchen (den Phänomenen) sich bei Weitem nicht alle aber viele Menschen in herausfordernder Weise konfrontiert sehen. Seine Einsichten und Ansichten beschreibt er frappierend prägnant, wobei er so vortrefflich mit der Sprache umzugehen vermag, dass die so herrlich auf den Punkt gebrachten und gesellschaftlich durchaus relevanten, manchmal auch tiefen Erkenntnisse, die so viele Menschen teilen, aber aus Rücksichtnahme nicht auszusprechen wagen, in leichtfüßiger Weise daherkommen und tendenziell wie dahinplätschernde Harmlosigkeiten wirken.
Zur Hervorbringung dieses Leistungsbündels befähigen Philipp Tingler m.E. vor allem sein Bildungshintergrund und seine zumindest angeführte Deszendenz bzw. Provenienz. Durch die Paarung der wissenschaftlichen Disziplinen Wirtschaftswissenschaften und Philosophie, gelangt er zu einer synthetischen Weltsicht; durch die Erfahrungen, welche er aus dem wissenschaftlichen Arbeiten und der Optimierung seines äußeren Selbst zieht sowie durch das Wissen zu und aus der Leisure Class, ist Tingler keine der dazugehörigen Sphären fremd. Fühlt er sich auch zu der einen oder anderen Sphäre mehr hingezogen, so kennt er sie zumindest aus der Perspektive des teilnehmenden Beobachters doch alle. Aus dieser Fähigkeit zur Gesamtschau entstehen Urteile, zu welchen ein herkömmlicher Kolumnist nun mal nicht befähigt sein kann.
Durch die kalkulierte und intelligente Architektur seiner Texte verurteilt er Tumbheit, Einfalt, Hässlichkeit durch Nachlässigkeit und den Narzissmus der Schwachen, ohne dabei seinen Kritikern eine griffige Angriffsfläche zu bieten. Die Verachtung Tinglers oder dessen Arbeit kann, zumindest dem Anschein nach, nur aus dem Munde eines ihm in irgendeiner Form Unterlegenen kommen. Gleichzeitig wirken jedoch Belobigungen (z.B. aus dem Munde von Hedonisten ohne IQ) die Tingler auf irgendwelche vermeintlich zentralen Themen (z.B. Oberflächlichkeit) reduzieren wollen genauso armselig. Sie übersehen, dass Tinglers sympatische Vergnügungssucht, temperamentvolle Maßlosigkeit und kindliche Freude an der Zerstreuung nicht NUR Selbstzweck sind, sondern auch Stilmittel.
Ich schätze meine Worte wirken gerade ähnlich überspannt wie der von Tingler so oft in seiner Impotenz bloßgestellte Kulturbetrieb. Ich denke aber, Herr Tingler wird mir diese Schwäche angesichts des ihm bekannten Herrn Hess Effekts nachsehen.
Aber lassen wir die Kirche im Dorf:
Tinglers Texte sind kurz gesagt einfach auf wunderbare Weise amüsant und unterhaltsam, ohne dass ihnen dabei der sonst übliche Niveauverlust anhaftet. Und da dieser Niveauverlust ein Merkmal ist, das quasi allem anhaftet das in Deutschland dem Titel Unterhaltung subsumiert wird, bin ich von der Lektüre so angetan.
Zwischenzeitlich habe ich das vierte Buch Tinglers bestellt. Ich lese seine Texte zugunsten meiner allgemeinen Befindlichkeit seit dem ramp Artikel täglich. Bleibt zu sagen: Schade, dass Herr Dr. Tingler sich dem männlichen Geschlecht verschrieben hat. Andernfalls würde ich ihn trotz seines Hangs zu Laura Ashley Tischleuchten für mich gewinnen wollen. Denn ich bin mir sicher - wir hätten (zusammen mit seinem Jennifer Hart SL (R107), den in diesem Fall selbstverständlich ich steuern würde) soviel Spaß miteinander wie die Madoffs zu Ihren besten Zeiten. Oder sagen wir wie die Madoffs und die Harts zusammen.