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Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
 
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Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) [Taschenbuch]

Erving Goffman , Frigga Haug
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (4 Kundenrezensionen)
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Produktinformation


Mehr über den Autor

Uwe Johnson
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Wir Normalen konstruieren eine Stigma-Theorie, eine Ideologie, welche die Inferiorität und Gefährlichkeit Stigmatisierter nachweisen soll - manchmal nur, um eine Animosität zu rationalisieren, die auf ganz anderen Differenzen beruht.

Über den Autor

Erving Goffman, 1922-1983, gehört zu den meistgelesenen Soziologen der USA und war ein Vorreiter der geschlechtersoziologischen Interaktionsforschung.


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125 von 132 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Floyd
Format:Taschenbuch
In seinem Buch „Stigma - Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität" legt Goffman dar, wie Menschen mit einem Stigma mit diesem und ihrer Umwelt umgehen, nachdem er zunächst klärt, was unter einem Stigma zu verstehen ist. Für ihn stellen erkennbare und erleidbare Arten der Abnormalität Stigmata dar, welche sich aufgrund folgender Phänomene konstruieren können: Aufgrund „physischer Deformationen" (S.12), „individuelle(r) Charakterfehler" (S.12) oder „phylogenetischer Stigmata aufgrund von Rasse, Nation und Religion" (S.13). Sie sind Situationen, in denen ein Individuum aufgrund bestimmter Merkmale von einer vollständigen sozialen Akzeptanz ausgeschlossen ist. Goffman macht klar, dass das Stigma allerdings nicht das Merkmal selbst ist, das ein Individuum trägt, sondern eine (negative) Zuschreibung, die auf der Basis jener (evidenten) Abnormalität getätigt wird. Es wird in seinen Abhandlungen deutlich, dass diese (generalisierte) Zuschreibung für ein betroffenes Individuum zu einer Diskrepanz zwischen der sog. „virtualen sozialen Identität" (d.h., den normativen Erwartungen der Umwelt), dessen sog. „aktualer sozialen Identität" (d.h. seiner tatsächlichen Wirkung auf andere) und seiner eigenen „Ich-Identität" führt: Das Ich des Betroffenen weicht von der antizipierten Seins-Norm ab, wobei das Individuum selbst hierauf keinen Einfluss hat. Dies wiederum führt zu einer grundlegenden Veränderung der Identität und Situation stigmatisierter Individuen; der sog. Masterstatus bei einem Betroffenen ist die Folge einer Generalisierung eines stigmatisierenden Merkmals auf alle Eigenschaften eines Individuums.
Wie Stigmatisierte mit ihrem Stigma umgehen, hängt u.a. davon ab, ob es sie diskreditiert oder ob sie dadurch „lediglich" diskreditierbar sind: Ist das Stigma offensichtlich (und wenn ja, wie sehr?) oder nicht? Im ersten Falle bilden Stigmatisierte Techniken aus, (gemischte) Situationen zu managen, im zweiten, wie Informationen über das nicht sofort evidente Stigma zu handhaben sind: Z.B. Soll man über ein Merkmal hinwegtäuschen, versuchen, es zu vertuschen oder andere Ursachen dafür geltend machen? Soll man den Gegenüber über ein (nicht sofort evidentes) Merkmal informieren? In diesem Zusammenhang ist für das Stigma-Management von Bedeutung, ob der Gegenüber persönlich bekannt bzw. vertraut ist, da jenes Stigma-Management im allgemeinen eine Sache der Öffentlichkeit darstellt: Je vertrauter ein Gegenüber ist, desto weniger ist i.d.R. ein Merkmal stigmatisierend.
Der Umgang eines Individuums mit seinem Stigma und wie es sich in (gemischten) Situationen verhält, ist weiterhin abhängig, ob sich das Individuum entscheidet, „Leitlinien" zur Findung von Ich-Identität derer zu befolgen, die mit ihm das Stigma teilen, oder derer, die „normal" sind: Auf verhaltensmäßigen Konfrontationskurs gehen oder sich den Vorstellungen eines akzeptablen Verhaltens der „Normalen" anpassen? Die vermeintlichen Werte, Vorzüge, Leistungen „seinesgleichen" herausheben oder Scheinakzeptanz und Scheinnormalität ertragen?
Doch egal, wie sich ein Individuum „entscheidet", immer wird es auf den Widerspruch in seiner Selbsterfahrung stoßen, dass es einerseits (angeblich) so ist, wie jeder andere Mensch auch und andererseits gleichzeitig nicht!
Am Schluss des Buches deutet Goffman an, dass prinzipiell jeder Mensch Gefahr läuft, stigmatisiert zu werden bzw. zu sein, da eine Person, die alle Erwartungen an und von Normalität in sich vereint, nicht existent sein kann.

Goffman liefert hiermit eine sehr genaue Deskription der Techniken im Umgang mit einem Stigma. Allerdings beschränkt er sich darauf festzustellen, dass es zu einer beschädigten Ich-Identität aufgrund einer (generalisierten) Zuschreibung kommt. Eine Analyse, wie es dazu kommt bzw. wie die Stigmaerfahrungen im betroffenen Individuum wirksam bzw. manifest werden oder wann und warum eventuell nicht, findet nicht statt. Geboten werden Betroffenen hierin ebenfalls keine Alternativen zur logischen (?) Konsequenz des Entwickelns der beschriebenen Techniken. Es scheint eine ausweglose bzw. vorgeschriebene Situation für Betroffene zu sein, die keine anderen Möglichkeiten als diese Techniken zuzulassen scheint, womit ein Buch, das Betroffenen das Übel nimmt, selber für ihre Situation verantwortlich sein zu müssen, indem es mehrere Varianten für Verantwortlichkeit eröffnet, genau diese für den Umgang mit einem Status nicht gibt.
Allerdings handelt es sich im vorliegenden Fall um eine soziologische Studie, nicht um eine psychologische. Wohl aus diesem Grund ist auch festzustellen, dass sich Goffman präskriptiver Aussagen konsequent enthält und sich wie gesagt auf eine reine Beschreibung komprimiert.
Die wesentliche Erkenntnis, die „Stigma" liefert ist wie schon angedeutet jene, dass nicht der Einzelne, der Betroffene, für seinen Status in der Gesellschaft verantwortlich ist, sondern vielmehr auch die „anderen", die ein Individuum durch ihre Zuschreibung und Erwartungen in diese Position innerhalb der Gesellschaft bringen. Diese Erkenntnis war/ist auch vor allem für die Sonderpädagogik von großer Bedeutung, da sie eine Abkehr vom sog. Medizinischen Modell bedeutet(e), in welchem ein Individuum selbst für seine (in diesem Fall) „Behinderung" verantwortlich gemacht würde bzw. die Ursache der „Behinderung" demzufolge in ihm selbst und seinen organischen oder kognitiven Beeinträchtigungen &c. zu suchen sei, womit einem Individuum also keine Chance eingeräumt wird, den Status eines Behinderten jemals verlassen zu können. Der Status bleibt bindend. Die Stigmatheorie liefert hierfür einen positiveren Ansatz.
Wichtig ist somit auch die Feststellung, dass diese äußerst einflussreichen Zuschreibungen durchaus sehr willkürlich geschehen können, d.h. dass die Frage, was und wer z.B. behindert sein soll (oder eben nicht), willkürlich beantwortet werden kann. Dies tritt in der Realität faktisch auch oft ein.

Goffmans „Stigma" war und ist für jegliche Sozialwissenschaften ein wichtiges und grundlegendes Buch; dies ist aus dem Einfluss ersichtlich, den es auf die weitere Forschung bis heute hat, und in meinen Augen hat es diesen Einfluss zurecht, da es das Spektrum der Paradigmata um einige wichtige Aspekte/Ansätze erweitert hat, ohne die die Forschung (und somit auch die konkrete Situation „Behinderter") schwerlich auf einem vergleichbaren Stand wäre.
Zu sagen wäre allerdings, dass die von Goffman in den 60er Jahren verwendete Sprache bzw. Wort- und Personenwahl im heutigen Sprachgebrauch und im heutigen Verständnis von political correctness per se eine Stigmatisierung/Diskriminierung darstellen würde: Farbige werden als „Neger" bezeichnet, er spricht von „Geisteskranken" &c. Doch vielleicht lässt sich hieran sehen, dass „man" in der Verwendung solch stigmatisierender Wendungen gegenüber in der Tat ein wenig sensibler geworden ist!?

Da dieses Buch Grundlage für Theorien und das Verständnis der heutigen Pädagogik ist, ist es all jenen zu empfehlen, die in irgendeiner Form „sozial" arbeiten. Doch nicht ausschließlich allein wegen des Verständnisses von Theorie. Schließlich kommen Zuschreibungen &c. in fast jeder (praktischen) Interaktion vor; somit ist es von Vorteil, sich der beschriebenen Vorgänge und auch Folgen zumindest bewusst zu sein, auch wenn man sich dieser Dynamik selbst wohl kaum vollständig entziehen wird können. Dennoch kann das bloße Wissen um diese Vorgänge bzw. deren Vorhandensein der konstruktiven Reflexion des Alltags und/oder der beruflichen Praxis sehr dienlich sein.
Und somit ist „Stigma" nicht nur jenen zu empfehlen, die sich professionell mit Menschen beschäftigen, sondern auch jenen, die sich privatim über ihren Alltag mit ihren Mitmenschen interessieren.

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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch|Von Amazon bestätigter Kauf
Es ist schon eine Quälerei, Fachliteratur aus den 60er Jahren zu lesen. Zur damaligen Zeit haben die Autoren noch dem Leser das Denken überlassen. Die Dialektik, Thesen und Antithesen, verpackt in vielen Schachtelsätzen sind schon eine Zumutung bei heutigen Lesegewohnheiten. Heute muss kein Intellektueller mehr dauernd beweisen, wie komplex er denken und fachsimpeln kann. Mittlerweile will man den Leser erreichen.
Hat man aber erst einmal diese Lesequälerei überwunden, muss man schamhaft feststellen, wie wir Profis im psychiatrischen Bereich der Stigmatisierung Vorschub leisten. Angeblich besprechen wir in multiproffessionellen Übergaben die gegenwärtige Situation des Patienten und die möglichen erfolgreichen Interventionen. Tatsächlich aber kultivieren und rekapitulieren wir bekannte Stigma, um uns zu entlasten und Bestätigung zu erfahren. Wir normieren von uns selbst ausgehend so sehr was richtig und falsch ist, dass wir dauernd Annahmen machen, was und wie der Patient sein sollte. Das besondere Merkmal (Stigma) eines Menschen versperrt uns oft den Zugang, seine anderen Eigenschaften objektiv wahrzunehmen. An vielen Beispielen - auch aus dem nichtpsychiatrischen Bereich - wird deutlich, wie wir in die Stigma-Falle tappen. Unsere Bildersprache, die einerseits rationell ist, verstärkt das Stigma noch. Wir üben -so wird es beim Lesen des Buches deutlich - oft unbewusst eine Vielzahl von Diskriminierungen aus. Damit beeinträchtigen wir die Lebenschancen unseres Klientel. Im Maßregelvollzug z.B. konstruieren wir unzulässige Theorien, um die Gefährlichkeit Stigmatisierter nachweisen zu wollen. Schließlich sichert das die Arbeitsplätze der dort Tätigen. Damit verdecken wir ganz andere Differenzen, z.B. soziale Klassendifferenzen. Wir rationalisieren die Animositäten, die sich bei uns Profis entwickeln - einerseits durch die ständige Konfrontation mit Stigmatisierten, andererseits durch die unbarmherzige Einflussnahme der "Außenwelt".
Das Buch macht sensibel, diese Fallen zu erkennen.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
sehr hilfreich 13. März 2011
Format:Taschenbuch|Von Amazon bestätigter Kauf
das buch gibt einen sehr guten überblick über die entstehung von stigmatisierung und deren individuelle bewältigung. auch wenn goffman sich dabei primär auf die amerikanische bevölkerung bezieht, können die beschriebenen verhaltensweisen der stigmatisierten und der "normalen" durchaus problemlos auf aktuelle probleme in jedem land der welt übetragen werden, da er aus den verschiedenen zahlreichen bespielen stets allgemeine schlüsse zieht.
ich kann das buch für jeden, der sich intensiver mit der problematik der stigmatisierung beschäftigen will, empfehlen.
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