Ralf Rothmann: Stier ISBN 3-518-40383-4 Suhrkamp Verlag, 1991
Der Klappentext verspricht großes: Ralf Rothmanns Romans STIER sei "eine Hommage an die Jugend. Voller Unruhe und Intensität teilt sich in seiner kraftvollen, anschaulich spannend inszenierten Prosa das Lebensgefühl einer Generation mit." Der Pädagoge ist interessiert und der Leser - aus der gleichen Generation wie der Schreiber - begeistert. Da schreibt einer, in seiner Erinnerung wühlend, seine Geschichte auf - und beispielhaft die einer ganzen Generation -, die über die 3 teile des Romans hinweg zum Schicksal wird, denn "...irgendwann reicht es eben nicht mehr, eine Geschichte zu haben. Irgendwann brauchst du ein Schicksal." Für den Leser, selbst groß geworden mit William S. Burroughs, Tom Wolfe, Jack Kerouac, den mothers of invention und den velvet underground, später örtlich betäubt (G.Grass) zwischen den Wendekreisen des Steinbocks und des Krebses (H.Miller), ein Steppenwolf (H.Hesse) auf dem Weg, die Innenwelt der Außenwelt (P.Handke) zu verstehen, erscheint das Buch wie eine Beschreibung der eigenen Jugend, teils wie sie war, teils wie sie hätte sein können, wie man sie selbst erhofft oder erträumt, oder/aber auch wirklich erlebt hat. Schmunzelnd streift der Blick zurück auf eine Jugend der siebziger Jahre, die des Kai Carlsen, der groß wird in einer Proletenwelt, in der ihm immer nur ein Bier spendiert worden ist, damit er später ein Bier spendiere; im privaten, ihm kleinen wird ihm das Wort " ‚underground' zur Chiffre eines Lebens hinter dem Leben, in dem man war, wie man sein wollte: hemmungslos frei ... und in den besten Momenten waren die Gefühle so wahr und so stark, daß das Haarband eines verliebten Mädchens flußaufwärts trieb." Doch die Realität heißt Arbeiten am Bau: "Sei doch froh, daß du Arbeit hast! Was heißt denn Glück oder Seele? Das ist was für bessere Leut. Dazu ham wir zu klobige Hände...". Dem Autor macht das Erinnern Spaß - und dem Leser ebenso - und zudem "schien mir das Erinnern eine Art Schutz zu gewähren." Das Besinnen auf die Vergangenheit schützt vor den Zumutungen der Gegenwart - "jedenfalls bis zu einem gewissen Punkt". Das - unausweichliche? - Erwachsenwerden beginnt für Kai Carlsen mit der "gelegentlichen Ahnung, daß es Unsinn ist, irgendwo Sinn zu suchen, daß man Sinn geben muß." Gleichzeitig gerät er in die unausweichliche(n) Lebenskrise(n): "Wenn die Träume aufhören, fängt das Trauma an..." Das Erwachsenwerden macht Angst, eine Angst, die wir alle auch durchlebt haben - oder durchleben werden. Die Angst äußert sich unterschiedlich, und beim Übergang zum Erwachsenenleben gibt es Brüche und Probleme, die sich auch im Protest gegen Strukturen, gegen das Vorfindbare, das nicht-selbst-gestaltete ein Ventil suchen; der Protest Ende der 60er Jahre galt dem ‚establishment', und bei Kai Carlsen drückt sich dieser Protest resignativ in der Aussage aus: "... und wenn er dann die Jugend überstanden hat, ohne sich aufzuhängen, ist er genau das gepreßte, quadrierte Häufchen Elend, das Staat und Kultur für ihre Fundamente brauchen...". "Du hast keine Chance, aber nutze sie" - sprühte die Null-Bock-Generation Ende der 80er Jahre an die Betonwände und nahm damit das gleiche Thema wieder auf. Zugegeben: Kai Carlsen sieht keine Chance zur und hat keine optimistische Hoffnung an die partizipativen Möglichkeiten der Veränderung des Gemeinwesens. Das Thema dieses Romans ist immer wieder auch das Problem der Zeit: die Vergangenheit, das bereits geschehene, im Gegensatz zur Zukunft, dem Möglichen. "Seit mir auffiel, daß es nichts Zufälliges mehr gibt, war die Jugend vorüber" - dies ist nicht der Schlußsatz, sondern der - starke - Anfang des Romans von Ralf Rothmann. Lesenswert für alle, die ‚too old for rock'n'roll, too young too die', aber auch für die, die verstehen wollen, was ‚damals', als samstags der beatclub im Fernsehen lief, in Papa und Mama vorging; und lesenswert insbesondere für uns, die "wir wissen, daß wir vorläufige sind, und nach uns wird kommen nichts Nennenswertes" (B.Brecht).
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