Es gibt Gedichtbände - insbesondere jene kleinen gelben von Reclam -, von denen es heißt, man solle sie überall dabei haben, dann könne man erlebte Stimmungen einfangen oder noch nicht erlebte Stimmungen erst erleben. Und es gibt Bücher, zu denen Max Frischs "Stich-Worte" zählt, aus denen man viel über sich selbst lernen kann. Von der aufwühlenden Prosa Frischs wird man zum Nachdenken angeregt, wie es kaum ein anderer Autor schafft. Und die von Uwe Johnson aufs Vortrefflichste zusammengestellten Texte - allesamt Ausschnitte und Passagen der vielen Bücher Frischs - vermögen, dem Leser die Sprach-Ästhetik Frischs und seine Verliebtheit in die gefühlvolle, manchmal verworrene und dennoch zugespitzte Formulierung näherzubringen. In jenem Widerspruch zwischen Verworrenheit und Zugespitztheit liegt auch der Reiz der Texte, denen man schnell erliegen wird, wenn man sich denn die Mühe macht, die Gedankengänge des Autor nachzuvollziehen. Nach Themen sortiert, kann sich der Leser von einem Stichwort zum nächsten hangeln, wird jedoch nicht selten ins Grübeln geraten und beginnen, das Gelesene immer und immer wieder zu wiederholen. Wer Max Frisch kennt, der weiß, daß sich mit den unumstößlichen Weisheiten, die jener neben Friedrich Dürrenmatt bekannteste Schweizer Schriftsteller des ausklingenden Jahrhunderts in seinen Meisterwerken verkündete, oftmals nicht anders umgehen läßt als so, sie zu rezitieren, über sie nachzudenken und mit anderen darüber zu diskutieren.
Dem Einwand, die in "Stich-Worte" veröffentlichten Auszüge aus Frischs Werken seien aus dem Zusammenhang gerissen, gab Uwe Johnson bei seiner Auswahl vor nunmehr 24 Jahren ("Stich-Worte" erschien bereits zum 25jährigen Jubiläum des Suhrkamp-Verlages 1975)keine Chance. Seine Zusammenstellung beweist Kenntnis und Fingerspitzengefühl. Das Leben sei, so beschrieb Frisch einmal in "Montauk" vielleicht sogar seine eigene Einsicht, langweilig. Erfahrungen mache er nur noch, wenn er schreibe. Gut, daß man dank "Stich-Worte" an diesen Erfahrungen teilhaben darf! Diese Buch sollte einem die gebundene Ausgabe wert sein. Man möchte es bald nirgends mehr missen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)