Neue Zürcher Zeitung
Doppelgängereien
Alberto Manguels metaphysischer Krimi
Alberto Manguel ist ein Weltbürger mit kanadischem Pass, sein Zuhause ist die Literatur. Er kennt den Buchhandel und das Verlagswesen, und er zählte in Argentinien zum Vorleserkreis des blinden Jorge Luis Borges. Manguel doziert über Literatur, übersetzt und schreibt selber Bücher, die ihre Kraft aus anderen Büchern schöpfen. Als «metaphysische Kriminalgeschichte» ist die Erzählung «Stevenson unter Palmen» bezeichnet. Sie dreht sich um Robert Louis Stevenson (18501894), der seine letzten Lebensjahre auf Samoa verbringt. Mehr als sein prekärer Gesundheitszustand wirft ihn der schottische Missionar Baker aus der Bahn, der vom vermeintlichen Freund zum gefährlichen Gegner mit dämonischen Zügen mutiert und auf mysteriöse Weise mit Stevenson verwechselt wird. Es ist also eine Doppelgängergeschichte über den Autor, der mit Jekyll und Hyde eines der bekanntesten Paare dieses Genres geschaffen hat. Die zwischen dem Missionar und dem Schriftsteller erörterte Frage nach der Wahrheit in Stevensons «erfundenen» Geschichten und den «wahren» biblischen Geschichten wird durch einen Mordfall und weitere Greueltaten um eine reale Dimension erweitert. Neben der Suche nach Täter und Motiv stellt sich die Frage nach der kollektiven Schuld der kolonialen Oberschicht, gegenüber deren Verbrechen die Einheimischen ohnmächtig sind. Damit bekommt der Krimi, der auch das Attribut «metafiktional» verdient, zusätzlich eine politische Aussage. So ergibt auch Goethes Satz, der der Erzählung vorangestellt ist, Sinn, nämlich dass niemand ungestraft unter Palmen wandelt.
Kurzbeschreibung
Liebesbriefe an das Lesen, schrieb der "New Yorker" über Alberto Manguels Bestseller "Die Geschichte des Lesens", einem erzählerischen und essayistischen Bravourstück und eine Hommage an eine der schönsten Möglichkeiten des Glücks (Borges).
Es ist der Traum jedes Schriftstellers, seinem eigenen Tod zu begegnen und so zumindest eine Geschichte lang Macht über ihn zu haben. In Alberto Manguels Erzählung "Stevenson unter Palmen" scheint sich dieser Traum gegen den Autor zu richten. Stevenson, der berühmte Schöpfer der "Schatzinsel" und von "Dr. Jeckyll und Mr Hyde", hat sich von den kalten Nebeln Schottlands in die Südsee zurückgezogen. Doch plötzlich begegnet er einem Mann mit vertrauten Akzent, ein Missionar mit harten Zügen. Und es ereignen sich mysteriöse Dinge, in deren Urheber alle Stevenson sehen...