Der erste Teil des Buches (ein knappes Viertel) ist ein in sich abgeschlossener Kurzroman, der nur wenig bis gar nichts mit dem Leben des "Sternengeists" Anson Guthrie zu tun hat. Es wird die Geschichte des in den ersten beiden Bänden geschaffenen Universums fortgeschrieben - und der Abschnitt ist insofern wichtig, als es sich um ein Bindeglied zwischen der Auswanderung der Lunarier nach der Proserpina (vgl. "Sternenfeuer") und der Rückkehr Anson Guthries nach Alpha Centauri, und letzten Endes zur Erde, handelt. Im Mittelpunkt steht der terranische Weltraumpilot Jesse Nichol, der sich von den Lunariern dazu einspannen lässt, den letzten großen Antimaterietransport der Terraner zu rauben. Der Vorrat soll auf lange Sicht hinaus das Energieproblem der Lunarier lösen, die vor einiger Zeit nach Proserpina ausgewandert sind - der Planetoid steht gerade im Begriff, auf seiner zwei Millionen Jahre währenden Umlaufbahn das Sonnensystem zu verlassen. Lirion, der Abgesandte von dort, hat sich mit der Lunarierin Falaire zusammengetan, die der Untergrundorganisation "Scaine Croi" angehört. Gegenspieler ist Venator, eine aus dem Cyberkosmos ausgegliederte Bewusstseinskopie des mittlerweile verstorbenen Synnoionten, der im vorerigen Buch bereits der Gegenspieler von Ian Kenmuir und Aleka Tam war. Und wie auch damals, so lässt er sich auch diesmal relativ leicht übertölpeln. Immerhin ist die Handlung um einiges straffer aufgezogen als in den ersten beiden Bänden; trotzdem klingt die Schilderung unwahrscheinlich, wie sich Nichol von den Lunariern einwickeln lässt - Anderson schiebt zwar gegen Ende des ersten Teils eine Erklärung hinterher, die aber ziemlich hanebüchen ist.
Und dann geht es richtig los! Wiederum ist der Protagonist nicht Anson Guthrie (oder allenfalls am Schluss, als er zur Erde zurückkehrt); sondern der im Habitat geborene und auf Luna aufgewachsene Fenn, der zwar als Polizist für die Synese arbeitet, aber seit Kindestagen eine unbestimmte Sehnsucht nach dem Weltall mit sich herumträgt. Die Synese, Nachfolgeorganisation der Weltföderation, ist eine globale Regierung, in der Vertreter der Menschen sowie des Cyberkosmos sitzen, der zwar nominell nur eine Stimme hat, aber aufgrund seines überragenden und sich selbst stetig weiter entwickelnden Intellekts fast immer den Ton angibt. Offiziell werden zwar alle Entscheidungen "zum Besten der Menschheit" getroffen, aber nach Jahrhunderten der Stabilität und des Friedens wächst das Misstrauen in der Bevölkerung. Niemand weiß, welche langfristigen Pläne die planetenumspannende künstliche Intelligenz verfolgt, an deren Spitze das "Terrabewusstsein" steht... Die Lunarier sind seit den beiden großen Auswanderungswellen nach Alpha Centauri (erster Teil:
Sternengeist) und zum Asteroiden Proserpina (zweiter Teil:
Sternenfeuer) praktisch bedeutungslos; diesmal ist es die Gemeinschaft der Lahui Kuikawa, die in einem riesengroßen Reservat im Pazifik leben und sich zunehmend in ihrer Freiheit bedrängt fühlen. Sie senden Fenn zum Mars, um dort die Möglichkeit zu erkunden, den Mond Deimos für den Bau eines neuen, vom Cyberkosmos unabhängigen Habitats zu verwenden - erste Vorstufe für die spätere Terraformung des Mars, und damit die Festigung der dortigen Restkolonie, die seit langem in Auflösung begriffen ist. Während Gerüchte aufkommen, dass die menschliche Kolonie in Alpha Centauri nach dem vorhergesagten Untergang des Planeten Demeter eine Möglichkeit gefunden hätten, die jahrzehntelangen Reisen zwischen den Sternen zu bewältigen - und von dort aus drei weitere Planeten (Amaterasu, Isis und Hestia) zu besiedeln - wächst der Verdacht, dass der Cyberkosmos aufsehenerregende astronomische Entdeckungen vor den Menschen verbirgt. Fenn fasst den Plan, in eine wissenschaftliche Station auf dem Mars einzudringen und die Geheimnisse aufzudecken.
Und das ist nur ein grober Umriss des vielschichtigen Szenarios. Der Bogen der "Sternengeist"-Romane umfasst damit über 1.000 Jahre Menschheitsgeschichte, und es ist faszinierend, mitzuerleben, wie sich die Menschheit innerhalb dieser Zeitspanne in drei grundverschiedene Zivilisationen aufspaltet, die alle einen höchst unterschiedlichen Ansatz verfolgen: Die menschlichen Kolonisten, die mit der Hilfe ihrer "Lebensmütter" genannten Organismen die unfassbar langen Zeiten auf dem Weg von Stern zu Stern überwinden. Die Lunarier und ihre Abkömmlinge, die nicht mehr planetengebunden sind, sondern nach und nach die zahlreichen vorhandenen Asteroiden erschließen. Und die vom Cyberkosmos in der Art eines unmündigen Kindes im Zustand der Unwissenheit gehaltenen Terraner, die den Sternen entsagen und nach der Vervollkommnung des Intellekts, des Geistes, der Vernunft streben. An vorderster Front der menschlichen Handlanger des Cyberkosmos steht Chuan, der nicht als Gegenspieler der aufklärerischen Freigeister agiert, sondern vielmehr ein innerlich wie äußerlich hilfloser Synnoiont ist, befähigt zur direkten Kommunikation mit der künstlichen Intelligenz, ein Mitwisser, der von seinem Wissen aber über Gebühr belastet wird. Chuan ist weder gut noch böse, er hat nur wie Fenn oder seine Mitstreiter He'o, Wanika Tauni und Kinna Ronay, eine ganz eigene Vorstellung davon, was für die Menschheit gut und richtig ist. Und genau das ist der zentrale Konflikt in diesem Buch: darf die Mehrheit der Menschen in Unwissenheit gelassen werden, wenn die Aufdeckung des Wissens schädlich sein könnte? Oder heißt es: Aufklärung um jeden Preis? Eine Fragestellung, die heute aktueller ist denn je zuvor! Ein Schelm, wer dabei etwa an Wikileaks denkt...
Die Entwicklung Fenns vom neugierigen Kind zum aufmüpfigen Erwachsenen wird plausibel geschildert, daneben fällt selbst der in den Vorgängerbänden allweise Anson Guthrie deutlich ab. Die detaillierte Schilderung der Lebensumstände auf Mond, Erde und Mars lassen den Leser mitten in die Zukunft eintauchen. Im Gegensatz zum ruhigen, fast gemächlichen Aufbau des Handlungsrahmens zu Anfang, überschlagen sich die Ereignisse am Ende so sehr, dass kaum noch Zeit zum Atmen bleibt; ein gleichmäßigeres Tempo wäre wünschenswert gewesen. Dies ist aber auch schon der einzige Kritikpunkt.