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Diane ist forensische Anthropologin, die nicht zuletzt durch ihre Analyse von Massengräbern auf sich aufmerksam gemacht hatte. Nun ist sie in das kleine RivertTrail-Naturkundemuseum geflohen, um dort als Direktorin zu arbeiten. Denn der Tod ihrer Adoptivtochter, für den sie sich mit verantwortlich fühlt, hat sie aus der Bahn geworfen. Aber dann taucht ihre ehemals große Liebe Mark mit einem Knochen unterm Arm bei ihr auf, von dem er annimmt, er könnte der eines verschwundenen Mädchens sein. Diane entdeckt nicht nur ihre Gefühle für den Ermittler neu. Sie entdeckt auch recht schnell, dass der Knochen einem Mann gehören muss. Und dann wird die Familie des Mädchens ermordet, das Mädchen selbst -- ein Adoptivkind --taucht wieder auf. Hat sie ihre Pflegeeltern umgebracht? Und was hat das alles mit den merkwürdigen Unregelmäßigkeiten und Betrügereien zu tun, die Diane ganz offenbar in Misskredit bei ihren Vorgesetzten bringen sollen? Und, last but not least: Wem gehörte der rätselhafte Knochen, mit dem alles seinen Anfang nahm?
Sterbliche Hüllen ist ein toller Thriller. Mit Präzision entwickelt er seinen Plot, in dem sich die einzelnen Handlungsstränge im Nachhinein wie selbstverständlich ineinander fügen. Wer die Forensik-Krimis von Kathy Reichs mag, wird Sterbliche Hüllen lieben. --Stefan Kellerer
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
»Er scheint nicht zu passen. Vielleicht ist es gar nicht sein Kopf.«
»Dr. Fallon « Diane Fallon, die Direktorin des RiverTrail-Naturkundemuseums, blickte von ihrer Schreibarbeit auf, die sie gerade erledigte. Amüsiert beobachtete sie, wie Gary und Samantha auf einer Arbeitsbühne herumbalancierten und dabei den Schädel eines Riesenfaultiers festzuhalten versuchten, der in einem unmöglichen Winkel auf dem vier Meter fünfzig hohen dazugehörigen Skelett thronte. Gary mühte sich gerade damit ab, den störrischen Schädel mit einem Draht am Skelett festzumachen.
»Wartet mal einen Augenblick!«
Sie stieg die Leiter zur Arbeitsbühne hinauf, um sich das Problem aus der Nähe anzusehen. Während sie sich oben auf den Bauch legte, schaute sie auf die Uhr. Es war spät und sie war müde. Sie untersuchte die Knochen, schüttelte den Kopf und zeigte auf den Nacken des riesigen Vorzeittiers:
»Ihr habt den Atlaswirbel verkehrt herum eingesetzt.«
»Sind Sie sicher?«
»Ja, Gary, ich bin mir sicher. Knochen sind wie die Teile eines Puzzles. Wenn man sie richtig zusammensetzt, dann passen sie auch zusammen. Wie, glauben Sie, würde Ihnen Ihr Kopf passen, wenn Ihr Genick verkehrt herum säße?«
Die anderen Studenten begannen zu kichern. »Haben Sie das Diagramm befolgt, das ich Ihnen gegeben habe?«
»Ja also, ich war mir eigentlich sicher. Ich habe ihn ja auch bereits mit Draht fixiert.« Er sagte dies mit einem Unterton, als ob er erwartete, dass Diane als Nächstes zu ihm sagen würde: »Na, dann müssen wir halt nur dafür sorgen, dass der Kopf doch noch passt, oder?«
Tatsächlich sagte sie aber: »Dann bleibt Ihnen wohl nichts anderes übrig, als das Ganze noch einmal zu machen.«
»Aber es ist doch schon spät, Dr. Fallon. Morgen habe ich einen wichtigen Test, für den ich noch lernen muss.«
»Morgen Abend ist die Ausstellungseröffnung. Test oder nicht, dieses Ausstellungsstück muss bis dahin fertig sein. Sie kannten den Zeitplan seit Semesteranfang. Legen Sie den Schädel ganz sachte auf die Arbeitsbühne. Dann entdrahten Sie den Atlaswirbel und setzen ihn richtig herum ein. Folgen Sie genau meiner Zeichnung!«
»Oh Mann«, jammerte Gary und Samantha schien den Tränen nahe. Aber da war nun mal nichts zu machen. Der Ausstellungstermin stand bereits seit langem fest. Leslie, die dritte Studentin im Bunde, schaute auf die Uhr, als Diane die Leiter wieder hinunterkletterte. »Es ist bereits ganz schön spät«, meinte sie dann.
»Mir ist schon klar, dass das Ganze ziemlich unfair ist.«
Diane entfernte ein Stück Verpackungsband von ihrer Hose. »Normalerweise können Studenten ihre Kommilitonen fragen, wie es ist, für den oder jenen Professor oder Dozenten zu arbeiten, aber ich bin neu hier im Museum und deshalb kennt mich halt noch keiner. Ihr könnt ja jetzt all eure Kameraden über meine Grundsätze informieren: Bei mir hat man die zugewiesenen Arbeiten korrekt und rechtzeitig zu erledigen. Entweder kriegt man bei mir eine Eins, oder man fällt durch. Wenn wir bis zur Ausstellungseröffnung
nicht fertig sind, seid ihr alle durchgefallen.« Die Studenten rissen vor Überraschung die Augen auf. »Ihr
habt ja bereits das ganze postkraniale Skelett zusammengebaut und verdrahtet und habt das auch richtig gut gemacht. Jetzt fehlt doch nur noch der Schädel. Das dauert gar nicht so lange, wie ihr vielleicht denkt.«
»Dr. Fallon. Telefon.« Ihre Assistentin Andie brachte ihr den schnurlosen Apparat aus ihrem Büro. Diane zog sich damit von den murrenden Studenten in den Hintergrund des Raumes zurück.
»Ja?«
»Hallo Diane, wie gehts dir?«
Diese Stimme hatte sie seit drei Jahren nicht mehr gehört und sie war überrascht, dass ihr Ton sie zum Lächeln brachte.
»Frank? Frank, mir mir gehts gut. Und dir? Ganz schön lange her.«
»Auch gut.« Er zögerte einen kleinen Moment. »Ich habe dir mehrere Briefe geschrieben.«
»Ich habe sie nicht bekommen.«
»Ich habe sie nicht abgeschickt.«
»Oh.«
»Darf ich dich zum Essen einladen?«, fragte er dann. »Es gibt da einiges, was ich mit dir besprechen möchte.«
»Ich weiß nicht recht. Das ist gerade eine ganz ungeschickte Zeit, Frank.«
Wieder zögerte er einen Augenblick. »Ich hasse es, dich am Telefon um einen Gefallen zu bitten.«
»Einen Gefallen? Welchen denn?« Diane schaute hinüber zu ihren Studenten, die nun eifrig an ihrem Faultierskelett arbeiteten. Sie hoffte, sie hatte ihnen so viel Angst eingejagt, dass sie es nicht wieder verpatzten.
»Ich habe hier einen Knochen, der zu einem vermissten Mädchen gehören könnte «
Diane blieb fast die Stimme weg. Ein Knochen! »Nein«, sagte sie dann in einem etwas zu rauen Ton.
»Nein was?«
Plötzlich stand Andie vor ihr und hielt ihr zwei Hände voll künstlicher Blätter vor die Nase. Diese Unterbrechung gab ihr die Gelegenheit, ihren Herzschlag ein wenig zu beruhigen.
»Warte mal einen Moment bitte, Frank.« Diane hielt ihre Hand über die Sprechmuschel und schaute Andie mit
hochgezogenen Augenbrauen an.
»Sie haben uns die falschen Pflanzen geschickt, Archaeopteris, aber Donald besteht darauf, dass wir weitermachen und sie verwenden. Er meint, keiner werde den Unterschied bemerken.«
»Aber gerade deshalb gibt es uns doch damit wir die Menschen über diesen Unterschied belehren. Sagen Sie ihm, das hier sei ein Naturkundemuseum und keine zweitklassige Filmkulisse.«
Andie lächelte. »Ich habe ihm prophezeit, dass Sie genau das sagen würden.«
»Tut mir Leid, Frank. Morgen Abend eröffnen wir eine große Ausstellung, und ich stecke bis über beide Ohren in Arbeit.«
»Was meinst du mit Nein?«
»Nein, ich mache das nicht mehr.«
»Was machst du nicht mehr?«
»Forensische Untersuchungen. Damit habe ich aufgehört.«
Darauf folgte ein dermaßen langes Schweigen, dass Diane bereits dachte, er habe aufgelegt.
»Bist du noch dran?«
»Aber das ist doch deine Arbeit.«
»Nicht mehr.«
»Schau, das Ganze hier ist völlig inoffiziell. Und es ist doch auch nur ein einziger Knochen.«
»Das ist mir völlig egal. Es gibt andere Knochenexperten, an die du dich wenden kannst. Geh zu denen Ein Knochen?
Du hast gerade mal einen Knochen? Damit könnte ich wahrscheinlich sowieso nichts anfangen.«
»Tatsächlich ist es sogar nur ein halber Knochen. Aber du könntest mir zumindest sagen, ob er von einem Menschen stammt.«
»Wenn das alles ist, was du wissen willst, kann dir das jeder anständige Osteologie-Student sagen.« Wenn du einen findest, musste sie dann denken, als sie ihre Studenten bei der Arbeit am Faultierskelett beobachtete. »Aber ich kann dir da nicht helfen.«
»Er könnte jemandem gehören, den ich kenne. Ich spiele öfter mal Poker mit dem Vater des vermissten Mädchens. Er ist mein bester Freund seit Kindertagen, und seine Tochter war bei Kevin oft Babysitter. Die Polizei scheint das Ganze nicht sehr ernst zu nehmen, aber die Eltern des Mädchens befürchten, dass ihr Freund ihr etwas angetan haben könnte. Ihr Bruder fand den Knochen im Wald hinter dem Elternhaus ihres Freundes.«
Im Wald, dachte Diane. »Nein.«
»Diane «
»Ich muss jetzt Schluss machen, Frank. Ich arbeite gerade mit meinen Studenten zusammen, und wenn die sehen, dass ich telefoniere, wollen die das auch. Aber es war schön, wieder einmal deine Stimme zu hören. Wirklich. Komm doch mal vorbei.« Dann legte sie auf. Diane hielt einen Augenblick inne. Es war tatsächlich schön gewesen, wieder einmal Franks Stimme zu hören. Deren Klang ließ alte Gefühle lebendig werden Gefühle der Wärme und Leidenschaft. Warum musste er ausgerechnet über Knochen reden? Sie atmete tief durch, um ihren Kopf wieder klar zu bekommen, und ging zurück zu ihren Studenten.